Originaltext
LEKTÜRE
Erzählung eines alten Fuchses

Eines Tages saß im Arbeitszimmer unseres Chefs Ivan Petrovič Semipalatov der Direktor unseres Theaters, Galamidov, und sprach mit ihm über das Spiel und die Schönheit unserer Schauspielerinnen.
"Aber da bin ich mit Ihnen nicht einverstanden", sagte Ivan Petrovič, während er Geldanweisungen unterschrieb. "Sofja Jurjevna ist ein starkes, originelles Talent! Sie ist so lieb, so graziös ... so reizend . .."
Ivan Petrovič wollte eigentlich weitersprechen, konnte aber vor Begeisterung kein Wort mehr herausbringen, und er lächelte so breit und süßlich, dass der Direktor Galamidov bei diesem Anblick einen süßen Geschmack im Mund verspürte.
"Mir gefällt an ihr ... äh ... die Erregung und das Beben der jungen Brust, wenn sie Monologe spricht ... Da ist sie entflammt, richtig entflammt! In solchen Momenten, richten Sie ihr das aus, bin ich ... zu allem bereit."
"Euer Exzellenz, bitte unterzeichnen Sie die Antwort auf das Schreiben der Polizeibehörde von Cherson betreffs . .."
Semipalatov hob sein lächelndes Gesicht und sah vor sich den Beamten Merdjaev. Merdjaev stand vor ihm, machte große Augen und überreichte ihm ein Papier zur Unterschrift. Semipalatov verzog sein Gesicht, die Poesie wurde an der interessantesten Stelle durch die Prosa unterbrochen.
"Darüber hätte man auch später . .." sagte er. "Sie sehen doch, ich unterhalte mich. Ein schrecklich ungebildetes, rücksichtsloses Volk! Da haben Sie's, Herr Galamidov. Sie sagten, bei uns gäbe es keine Gogoltypen mehr .. . Da haben Sie welche! Ist das kein Typ? Ein Schmutzfink, die Ellenbogen durchgescheuert, schieläugig . .. kämmt sich nie ... Und schauen Sie sich an, wie er schreibt! Weiß der Teufel, was das ist! Er schreibt fehlerhaft und ohne Sinn, wie ein Schuster. Da, schauen Sie sich das an!"
"Hm - ja . .." murmelte Galamidov und blickte auf das Papier. "Tatsächlich ... Sie lesen wahrscheinlich wenig, Herr Merdjaev."
"So geht es nicht, mein Bester", fuhr der Chef fort. "Ich schäme mich für Sie! Wenn Sie wenigstens Bücher läsen . . ."
"Die Lektüre hat große Bedeutung", sagte Galamidov und seufzte ohne Grund.
"Sehr große! Lesen Sie, und Sie werden sofort merken, wie sich Ihr Gesichtskreis bedeutend erweitert. Und Bücher können Sie sich beschaffen, wo Sie wollen. Bei mir zum Beispiel ... Ich tue es mit Vergnügen . . . Schon morgen bringe ich welche mit, wenn Sie wollen."
"Bedanken Sie sich, mein Bester!" sagte Semipalatov.
Merdjaev verbeugte sich ungeschickt, bewegte die Lippen und ging hinaus.
Am nächsten Tag kam Galamidov zu uns ins Büro und brachte einen Packen Bücher mit. In diesem Augenblick beginnt auch die Geschichte. Die Nachwelt wird Semipalatov seine leichtsinnige Handlungsweise niemals verzeihen! Das könnte man vielleicht einem Jüngling verzeihen, aber einem erfahrenen Wirklichen Staatsrat - niemals! Nach der Ankunft des Theaterdirektors wurde Merdjaev in das Arbeitszimmer des Chefs gerufen.
"Da haben Sie etwas zum Lesen, mein Bester", sagte Semipalatov und überreichte ihm ein Buch. "Lesen Sie es aufmerksam."
Mit zitternden Händen nahm Merdjaev das Buch entgegen und verließ das Arbeitszimmer. Er war blass. Seine schielenden Äuglein liefen unruhig hin und her und schienen bei den Gegenständen der Umgebung Hilfe zu suchen. Wir nahmen ihm das Buch ab und betrachteten es vorsichtig.
Es war "Der Graf von Monte Christo".
"Gegen seinen Willen ist nichts zu machen", sagte unser alter Buchhalter Prochor Semenyč Budylda seufzend. "Gib dir nur Mühe, streng dich ein bisschen an ... Lies es nach und nach, und so Gott will, wird er vergessen, und dann kannst du damit aufhören. Brauchst keine Angst zu haben .. . Und die Hauptsache -vertiefe dich nicht zu sehr in die Sache . .. Lies und vertiefe dich nicht in diese Weisheit!"
Merdjaev wickelte das Buch ein und setzte sich hin, um weiterzuarbeiten. Aber diesmal wollte ihm das Schreiben nicht gelingen. Seine Hände zitterten, und die Augen schielten nach allen Richtungen: das eine zur Decke hinauf, das andere ins Tintenfass. Am nächsten Tage kam er verweint zum Dienst.
"Viermal habe ich schon angefangen", sagte er, "aber ich kann einfach nichts begreifen ... Es sind irgendwelche Ausländer... "
Als Semipalatov nach fünf Tagen an den Tischen vorbeiging, blieb er vor Merdjaev stehen und fragte:
"Nun, was ist? Haben Sie das Buch gelesen?"
"Ja, Euer Exzellenz."
"Was haben Sie denn gelesen, mein Bester? Erzählen Sie mal!"
Merdjaev hob den Kopf und bewegte die Lippen.
"Ich hab's vergessen, Euer Exzellenz . . ." sagte er nach einer Weile.
"Also, Sie haben nicht gelesen, oder, äh. Sie haben unaufmerksam gelesen. Auto-ma-tisch! So geht das nicht! Lesen Sie es noch einmal! Ich empfehle Ihnen das überhaupt, meine Herren! Lesen Sie! Bitte, lesen Sie alle! Nehmen Sie von meinen Büchern dort auf dem Fensterbrett und lesen Sie. Paramonov, gehen Sie hin und nehmen Sie sich ein Buch! Podchodcev, mein Bester, gehen Sie auch hin! Smirnov - Sie auch! Alle, meine Herren! Ich bitte darum!"
Alle gingen und holten sich ein Buch. Nur Budylda wagte zu protestieren. Er breitete die Arme aus, schüttelte den Kopf und sagte:
"Aber mich entschuldigen Sie schon. Euer Exzellenz .. . Eher nehme ich meinen Abschied. Ich weiß schon, was diese Kritiken und Werke anrichten. Mein ältester Enkel nennt seither seine leibliche Mutter eine dumme Gans, und die ganze Fastenzeit säuft er Milch. Entschuldigen Sie!"
"Sie verstehen auch gar nichts", sagte Semipalatov, der gewöhnlich dem Alten alle seine Grobheiten verzieh.
Aber Semipalatov täuschte sich: der Alte verstand alles. Nach einer Woche bereits sahen wir die Früchte dieser Lektüre. Podchodčev, der den zweiten Band des "Ewigen Juden" las, nannte Budylda einen Jesuiten, Smirnov erschien betrunken zum Dienst. Aber auf keinen wirkte die Lektüre so stark wie auf Merdjaev. Er magerte ab, seine Wangen fielen ein, er begann zu trinken.
"Prochor Semenyč!" flehte er Budylda an. "Ich werde ewig für Sie beten! Bitten Sie Seine Exzellenz, mich zu entschuldigen ... Ich kann nicht lesen. Ich lese Tag und Nacht, schlafe und esse nicht mehr . .. Meine Frau quält sich beim Vorlesen, aber Gott strafe mich, ich verstehe gar nichts! Erweisen Sie mir die göttliche Gnade!"
Budylda wagte ein paar mal, Semipalatov darüber zu berichten, aber er winkte nur ab und warf allen Unwissenheit vor, während er mit Galamidov im Büro auf und ab ging.
So vergingen zwei Monate, und schließlich endete die ganze Geschichte auf die fürchterlichste Weise.
Als Merdjaev eines Tages zum Dienst kam, ließ er sich, statt sich an den Tisch zu setzen, inmitten des Amtszimmers auf die Knie nieder, fing an zu weinen und sagte:
"Verzeiht mir, Rechtgläubige, ich habe Banknoten gefälscht!" Daraufhin ging er in das Arbeitszimmer des Chefs, kniete vor Semipalatov nieder und sagte:
"Ich bitte um Verzeihung, Euer Exzellenz: Ich habe gestern ein Kindchen in den Brunnen geworfen!"
Er schlug mit der Stirn auf den Fußboden und schluchzte ...
"Was soll das bedeuten?" Semipalatov staunte.
"Das bedeutet. Euer Exzellenz", sagte Budylda mit Tränen in den Augen und trat vor, "dass er den Verstand verloren hat. Er ist übergeschnappt! Das hat Ihr Galamidka mit seinen Büchern angerichtet! Gott sieht alles, Euer Exzellenz. Und wenn Ihnen meine Worte nicht gefallen, so erlauben Sie mir, den Abschied zu nehmen. Es ist besser, vor Hunger zu sterben, als auf seine alten Tage so etwas mit ansehen zu müssen."
Semipalatov erblasste und lief von einer Ecke in die andere. "Galamidov wird nicht mehr empfangen", sagte er mit tonloser Stimme . . . "Und Sie, meine Herrschaften, beruhigen Sie sich. Ich sehe meinen Fehler ein. Ich danke dir. Alter!"
Und seit dieser Zeit ist bei uns nichts mehr vorgefallen. Merdjaev wurde gesund, aber nicht ganz. Bis heute zittert er und wendet sich ab, sobald er ein Buch erblickt.



Anmerkungen

Lektüre (Ctenie). Oskoiki, 24. März 1884, Titel dort: "Vorsicht im Umgang mit Feuer !"; A. Čechonte.
Semipalatov - Zusammensetzung aus russ. "sem'": sieben, und "palata": Zimmer, Saal; Palast.
Galamidov - vgl. "Galam", Landschaft in Senegal; Galam-Butter.
Merdjaev - vgl. franz. "merde": Scheiße.
Gogoltypen - Anspielung auf die Personen des "Revisor", der klassischen russischen Komödie von Nikolaj Gogol (1809-1852), aus dem Jahr 1836.
Der Graf von Monte Christo - berühmter Roman von Alexandre Dumas (Pere), erschien 1845/46; Dumas war auch in Russland äußerst populär, 1905 lag eine russische Dumas-Ausgabe in 24 Bänden vor.
Budylda - russ. "budyl'": der Stengel, Halm; das Rohr.
Podchodčev - russ. "podchodit'": herbeikommen, herzutreten, herbeitreten.
Der Ewige Jude - "Le juif errant", Roman des französischen Schriftstellers Eugene Sue (1804-1857), erschien 1844/45; Abenteuerroman um eine Millionenerbschaft, in dem Jesuiten durch Intrigen und undurchsichtige Machenschaften versuchen, eine Reihe von Erben auszuschalten und das Millionenvermögen einem der Ihren, dem weltfremden Missionar zuzuschustern, der die Erbschaft schon im voraus dem Jesuitenorden vermacht hat.