|
Originaltext
DIE STIEFEL
Der Klavierstimmer Murkin, ein Mann mit einem bartlosen gelben Gesicht, einer Tabaknase und Watte in den Ohren, trat aus seinem Hotelzimmer auf den Korridor und rief mit dröhnender Stimme:
"Semen! Zimmerkellner!"
Wenn man sein erschrockenes Gesicht sah, konnte man denken, ihm sei die Decke auf den Kopf gefallen oder er habe soeben im Zimmer ein Gespenst gesehen.
"Aber ich bitte dich, Semen!" schrie er, als er den Zimmerkellner herbeieilen sah. "Was soll denn das heißen? Ich bin ein rheumatischer, kränklicher Mensch, und du zwingst mich, barfuss herumzulaufen? Warum hast du mir bis jetzt meine Stiefel nicht gebracht? Wo sind sie?"
Semen betrat Murkins Zimmer, schaute auf den Platz, wo er gewöhnlich die geputzten Stiefel hinstellte, und kratzte sich am Hinterkopf: die Stiefel waren nicht da.
"Wo sollen denn die verfluchten Dinger sein?" sagte Semen. "Am Abend habe ich sie doch, meine ich, geputzt und hierhergestellt .. . Hm . .. Gestern war ich, offen gesagt, betrunken .. . Man muss annehmen, dass ich sie in ein anderes Zimmer gestellt habe. Das stimmt, so ist es, Afanasij Egoryč, in ein anderes Zimmer! Bei so vielen Stiefeln soll sich einer auskennen, noch dazu wenn er betrunken ist und nicht alle Sinne beisammen hat ... Wahrscheinlich habe ich sie zu der gnädigen Frau gestellt, die nebenan wohnt... zu der Schauspielerin . .."
"Jetzt soll ich deinetwegen zu der gnädigen Frau gehen und sie stören! Einer Lappalie wegen eine ehrbare Frau wecken!"
Seufzend und hüstelnd ging Murkin zu der Tür des Nachbarzimmers und klopfte vorsichtig an.
"Wer ist da?" hörte man nach einer Weile eine Frauenstimme. "Ich bin's!" begann Murkin mit kläglicher Stimme und nahm die Pose eines Kavaliers an, der mit einer vornehmen Dame spricht. "Entschuldigen Sie die Störung, gnädige Frau, aber ich bin ein kränklicher, rheumatischer Mensch . .. Die Ärzte, gnädige Frau, haben mir verordnet, die Füße warm zu halten, um so mehr, als ich gleich zu der Generalin Ševelicyna gehen muß, den Flügel stimmen. Ich kann doch zu ihr nicht barfuss gehen ...!"
"Und was brauchen Sie? Was für einen Flügel?"
"Keinen Flügel, gnädige Frau, sondern in bezug auf die Stiefel! Der Dummkopf Semen hat meine Stiefel geputzt und aus Versehen in Ihr Zimmer gestellt. Seien Sie so liebenswürdig, gnädige Frau, geben Sie mir meine Stiefel!"
Man hörte ein Rascheln, einen Sprung aus dem Bett und ein Schlürfen von Pantoffeln, dann öffnete sich ein wenig die Tür, und ein molliges Frauenhändchen warf Murkin ein Paar Stiefel vor die Füße.
Der Klavierstimmer bedankte sich und begab sich in sein Zimmer.
"Eigenartig . . ." murmelte er, als er die Stiefel anzog. "Als ob da kein rechter Stiefel wäre. Das sind ja zwei linke Stiefel! Beide links! Hör mal, Semen, das sind doch nicht meine Stiefel! Meine Stiefel haben rote Ösen und keine Flicken, und diese hier sind zerrissen und ohne Ösen!"
Semen hob die Stiefel auf, drehte sie ein paarmal vor seinen Augen hin und her und machte ein finsteres Gesicht.
"Das sind die Stiefel von Pavel Aleksandryč .. ." brummte er und blickte von der Seite.
Er schielte auf dem linken Auge.
"Von was für einem Pavel Aleksandryč?"
"Dem Schauspieler . . . jeden Dienstag kommt er hierher ... Er hat also statt der seinen Ihre angezogen ... Ich habe demnach zu ihr ins Zimmer beide Paare gestellt: seine und Ihre. Eine schöne Bescherung!"
"So geh hin und tausch sie um!"
"Na, prost Mahlzeit!" Semen lächelte. "Geh hin und tausch sie um! Wo soll ich ihn denn jetzt hernehmen? Er ist schon seit einer Stunde weg . .. Geh und such den Wind auf dem Feld!"
"Wo wohnt er denn?"
"Wer soll das wissen! Er kommt jeden Dienstag hierher, aber wo er wohnt, das ist uns nicht bekant. Er kommt, übernachtet hier, und dann kannst du auf ihn bis zum nächsten Dienstag
warten ..."
"Da siehst du Flegel, was du angerichtet hast! Was soll ich jetzt tun! Es ist schon Zeit für mich, zur Generalin Ševelicyna zu gehen, du verwünschtes Subjekt! Ich friere an den Füßen!"
"Die Stiefel umtauschen dauert nicht lange. Ziehen Sie diese Stiefel an, laufen Sie darin bis zum Abend, und abends gehen Sie ins Theater ... Fragen Sie dort nach dem Schauspieler Blista-nov ... Wenn Sie nicht ins Theater gehen wollen, müssen Sie bis nächsten Dienstag warten. Er kommt nur dienstags hierher ..."
"Aber warum sind hier zwei linke Stiefel?" fragte der Klavierstimmer und griff widerwillig nach den Stiefeln.
"Was ihm der Himmel schickt, das trägt er auch. Aus Armut ... Wo soll ein Schauspieler was hernehmen...? "Sie haben aber Stiefel, Pavel Aleksandryč", sage ich. "Die reine Schande !" Er aber sagt: "Verstumme", sagt er, "und erblasse! In diesen Stiefeln habe ich Grafen und Fürsten gespielt." Ein komisches Volk! Mit einem Wort, ein Künstler. Wenn ich ein Gouverneur oder irgendein Vorgesetzter wäre, ich würde alle diese Schauspieler festnehmen - hinter Schloss und Riegel mit ihnen!"
Unter endlosem Ächzen und mit schmerzverzogenem Gesicht zog Murkin die Stiefel an und begab sich hinkend zu der Generalin Ševelicyna. Den ganzen Tag lief er in der Stadt herum und stimmte Klaviere, und den ganzen Tag schien es ihm, als blicke die ganze Welt auf seine Füße und sähe dort die Stiefel mit den Flicken und den schiefen Absätzen. Außer den moralischen musste er auch noch physische Qualen erdulden: er lief sich Blasen.
Abends war er im Theater. Man spielte "Ritter Blaubart". Erst vor dem letzten Akt, und auch das nur dank der Protektion eines ihm bekannten Flötisten, ließ man ihn hinter die Kulissen. Als er die Herrengarderobe betrat, traf er dort das ganze männliche Personal an. Die einen zogen sich um, die anderen schmink- ten sich, die dritten rauchten. Blaubart stand vor dem König Bobeche und zeigte ihm einen Revolver.
"Kaufe ihn", sagte Blaubart. "Ich habe ihn in Kursk für acht Rubel erstanden, es war ein Gelegenheitskauf, dir gebe ich ihn für sechs ... Wunderbare Zündung!" l
"Vorsichtig ... Er ist geladen!"
"Kann ich Herrn Blistanov sprechen?" fragte der eintretende Klavierstimmer.
"Bin es selbst", antwortete Blaubart und drehte sich zu ihm um. "Was wünschen Sie?"
"Entschuldigen Sie die Störung, gnädiger Herr", begann der Klavierstimmer mit flehender Stimme, "aber glauben Sie mir, ich bin ein kränklicher, rheumatischer Mensch ... Die Ärzte haben mir verordnet, die Füße warm zu halten ..."
"Was wünschen Sie denn eigentlich?"
"Sehen Sie ..." fuhr der Klavierstimmer fort, während er sich an Blaubart wandte. "Nämlich ... Sie waren diese Nacht im Hotel Buchteev ... im Zimmer Nummer vierundsechzig ..."
"Na, was lügst du da!" sagte der König Bobeche lächelnd. "Im Zimmer Nummer vierundsechzig wohnt meine Frau!"
"Ihre Frau? Sehr angenehm ..." Murkin lächelte. "Ihre Gattin hat mir eigentlich auch seine Stiefel ausgehändigt ... Als er" - der Klavierstimmer zeigte auf Blistanov - "von ihr weggegangen war, vermisste ich plötzlich meine Stiefel... ich rufe, wissen Sie, den Zimmerkellner, und der Zimmerkellner sagt: "Gnädiger Herr, ich habe Ihre Stiefel in das Nachbarzimmer gestellt!" Er hat aus Versehen, weil er betrunken war, meine und Ihre Stiefel in die Nummer vierundsechzig gestellt" - Murkin drehte sich zu Blistanov um -, "und als Sie von seiner Gattin weggingen, haben Sie meine angezogen ..."
"Aber was soll das heißen?" fragte Blistanov und machte ein finsteres Gesicht. "Sind Sie hierhergekommen, um zu tratschen?"
"Keineswegs! Gott behüte! Sie haben mich nicht verstanden ... Weswegen bin ich denn ... Wegen der Stiefel! Sie haben doch im Zimmer vierundsechzig übernachtet?"
"Wann?"
"In dieser Nacht."
"Haben Sie mich dort gesehen?"
"Nein, ich habe Sie nicht gesehen", antwortete Murkin in großer Verlegenheit, während er sich setzte und eilig die Stiefel auszog. "Ich habe Sie nicht gesehen, aber diese Ihre Stiefel hat mir die Gattin von ihm herausgeworfen... Statt der meinigen."
"Aber was für ein Recht haben Sie, gnädiger Herr, solche Sachen zu behaupten? Ich spreche nicht einmal von mir, aber Sie beleidigen eine Frau, und noch dazu in Anwesenheit ihres Mannes!"
Hinter den Kulissen erhob sich ein fürchterlicher Lärm. König Bobeche, der gekränkte Ehemann, wurde plötzlich purpurrot und hieb aus voller Kraft mit der Faust auf den Tisch, so dass es in der Nebengarderobe zwei Schauspielerinnen übel wurde.
"Und du glaubst das?" schrie ihn Blaubart an. "Du glaubst diesem Schurken? Ooh! Wenn du willst, ich töte ihn wie einen Hund! Willst du? Ich mach aus ihm ein Beefsteak! Ich werde ihn zerschmettern!"
Und alle, die an diesem Abend im städtischen Garten neben dem Sommertheater spazierengingen, erzählen jetzt, sie hätten gesehen, wie vor dem vierten Akt vom Theater herüber ein barfüßiger Mann mit gelbem Gesicht und schreckerfüllten Augen die Hauptallee entlanggerannt sei. Ihm nach jagte ein Mann im Blaubartkostüm und mit einem Revolver in der Hand. Was weiter passierte, hatte niemand gesehen. Man weiß nur, dass Murkin nach der Bekanntschaft mit Blistanov zwei Wochen krank darniederlag und den Worten: "Ich bin ein kränklicher, rheumatischer Mensch", riodi hinzufügte: "Ich bin ein verwundeter Mensch..."
Anmerkungen
Die Stiefel (Sapogi). Peterburgskaja gazeta, 3. Juni 1885, Untertitel dort: "Kleine Szene"; A. Čechonte.
"Ritter Blaubart" - Operette von Jacques Offenbach, 1819-1880, aus dem Jahre 1866; "König Bobeche" - Gestalt daraus.
Ševelicyna - russ. "ševelit'": sich bewegen, sich rühren, wenden; "ševeljuga": Scheusal, garstiger Mensch (als Schimpfwort).
Blistanov - russ. "blistat'": glänzen, schimmern, strahlen, leuchten, glitzern.
Buchteev - russ. "buchtej", "buchonja": 1. dickes, volles Kind; dgl. Frauenzimmer; 2. der Wollsack; 3. der Süd-, Mittagswind. Buchta: die Bucht.
|