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Originaltext
DER HOLZKOPF
Eine kleine Episode
Archip Eliseič Pomoev, ein pensionierter Kornett, setzte die Brille auf und las stirnrunzelnd: "Der Friedensrichter des Kreises ... Bezirk . . . lädt Sie und so weiter und so weiter ... als Beschuldigten vor, in Sachen tätlicher Beleidigung des Bauern Grigorij Vlasov . . . Der Friedensrichter P. Šestikrylov."
"Von wem ist denn das?" Pomoev hob die Augen und sah den Boten an.
"Vom Herrn Friedensrichter, von Petr Sergeič... Šestikrylov..."
"Hm ... Von Petr Sergeič? Warum lädt er mich denn vor?"
"Wahrscheinlich zur Verhandlung . . . Dort steht es ja geschrieben .. ."
Pomoev las die Vorladung noch einmal, schaute erstaunt den Boten an und zuckte mit den Achseln.
"Tsss... Als Beschuldigten... Dieser Petr Sergeič ist ein Spaßvogel! Na meinetwegen, sag ihm, es sei gut. Er soll nur ein schönes Frühstück vorbereiten... Sag ihm, dass ich komme! Grüße Natalja Egorovna und die Kinderchen!"
Pomoev unterschrieb die Quittung und begab sich in das Zimmer, in dem der Bruder seiner Frau, Leutnant Nitkin, wohnte, der zu ihm auf Urlaub gekommen war.
"Schau mal, was für einen Wisch mir Petka Šestikrylov da geschickt hat", sagte er und reichte Nitkin die Vorladung. "Bittet mich Donnerstag zu sich . .. Fährst du mit?"
"Er bittet dich doch nicht zu Gast", sagte Nitkin, nachdem er die Vorladung gelesen hatte. "Er lädt dich als Beschuldigten vor Gericht... Man wird über dich zu Gericht sitzen..."
"Über mich? Tsss... Ist noch nicht trocken hinter den Ohren und will mich richten... Ist keine Leuchte... Das hat er nur so... zum Spaß..."
"Gar nicht zum Spaß! Verstehst du denn das nicht? Hier ist deutlich gesagt: wegen tätlicher Beleidigung ... Du hast Griška geschlagen, deshalb musst du vor Gericht."
"Bist du aber ein wunderlicher Kauz, bei Gott! Wie kann er mich denn richten, wenn wir beide, das kann man wohl sagen, Freunde sind? Was für ein Richter ist er für mich, wenn wir zusammen Karten gespielt, getrunken und weiß der Teufel was gemacht haben? Und was für ein Richter ist er? Haha! Petka -ein Richter! Haha!"
"Lach nur, lach, aber wenn er dich einsperrt, nicht aus Freundschaft, sondern auf Grund der Gesetze, dann wird dir das Lachen schon vergehen!"
"Du bist wohl übergeschnappt, Bruderherz! Was heißt hier auf Grund der Gesetze, wo er doch meinen Vanja getauft hat? Fahren wir am Donnerstag zu ihm, da wirst du sehen, was für Gesetze das sind ..."
"Und ich würde dir raten, lieber nicht hinzufahren, sonst bringst du dich und ihn in eine peinliche Situation . . . Soll er doch in deiner Abwesenheit entscheiden..."
"Nein, warum in meiner Abwesenheit? Ich fahre hin und werde mal sehen, wie er Gericht hält ... Ich bin neugierig, was für ein Richter aus Petka geworden ist ... Übrigens war ich schon lange nicht mehr bei ihm ... das ist peinlich ..."
Am Donnerstag begaben sich Pomoev und Nitkin zu Šestikrylov. Sie trafen den Friedensrichter im Gerichtssaal an, bei einer Verhandlung.
"Guten Tag, Petjuška", sagte Pomoev, während er an den Richtertisch trat und die Hand hinüberstreckte. "Richtest ein bisschen? Verdrehst die Gesetze? Richte nur, richte ... ich werde warten und zugucken ... Das ist, darf ich vorstellen, der Bruder meiner Frau... Ist deine Frau gesund?"
"Ja, ja ... Setzen Sie sich dorthin . .. zum Publikum..."
Als der Richter das gemurmelt hatte, wurde er rot. Angehende Richter werden überhaupt immer verlegen, wenn sie in ihren Amtsräumen Bekannte sehen; wenn sie aber gezwungen sind, über Bekannte zu Gericht zu sitzen, machen sie den Eindruck von Menschen, die vor Verlegenheit am liebsten in den Erdboden versinken möchten. Pomoev trat von dem Tisch zurück und setzte sich neben Nitkin auf die vorderste Bank.
"Wie wichtig sich diese Bestie tut", flüsterte er Nitkin ins Ohr. "Nicht wiederzuerkennen. Und lächelt nicht einmal! Mit einer goldenen Kette sitzt er da! Sieh mal einer an! Als hätte er niemals bei mir in der Küche die schlafende Agaška mit Tinte bemalt. Ein Gaudium! Können denn solche Menschen Richter sein? Ich frage dich: können solche Menschen Richter sein? Dazu braucht man einen Menschen, der etwas vorstellt, der einen gesetzten Eindruck macht. . . damit er, weißt du, Angst einflößt, da kann man nicht irgendeinen hinsetzen - los, richte! Hebe..."
"Grigorij Vlasov!" rief der Friedensrichter. "Herr Pomoev!"
Pomoev lächelte und trat an den Tisch. Aus dem Publikum löste sich ein Bursche in einem abgetragenen Gehrock mit hoher Taille und' in gestreiften Beinkleidern, die in kurzen rotbraunen Stiefelschäften steckten. Er stellte sich neben Pomoev.
"Herr Pomoev!" begann der Friedensrichter und schlug die Augen nieder. "Sie werden beschuldigt, Ihrem Angestellten da... diesem Grigorij Vlasov ... eine tätliche Beleidigung zugefügt zu haben. Bekennen Sie sich schuldig?"
"Das wäre noch schöner! Bist du schon lange so streng? Hehe. .."
"Sie bekennen sich also nicht schuldig?" unterbrach ihn der Richter und rutschte dabei vor Verlegenheit auf dem Stuhl hier und her. "Vlasov, erzählen Sie, wie die Sache gewesen ist!"
"Ganz einfach! Sehen Sie, ich stand bei ihm als Lakai ii Dienst, sozusagen als Kammerdiener ... Es ist bekannt, da unser Dienst verteufelt schwer ist, Euer Hochwohlgeboren .. Die Herren selbst stehen in der neunten Stunde auf, unserem aber muss schon vor Tagesanbruch auf den Beinen sein ... Go weiß, ob sie Stiefel oder Halbschuhe anziehen oder den ganze Tag in Pantoffeln rumlaufen wollen, aber ich muss alles putzen die Stiefel, die Halbschuhe und die Überschuhe . .. Na schön ., Eines Morgens ruft er mich zum Ankleiden. Ich bin natürlich hingegangen . .. Habe ihm das Hemd angezogen, die Beinkleider, die Stiefelchen, alles, wie es sich gehört .. . Wollte ihm dann die Weste anziehen ... Da sagt er aber: "Reich mir den Kamm, Griška. Der ist", sagt er, "in der Seitentasche im Gehrock". Na schön .. .! Ich krame in der Seitentasche, aber den Kamm hat wohl die Katze gefressen - ist nicht da! Ich habe gekramt und gekramt und sage: "Da ist aber kein Kamm, Archip Eliseič!" I macht ein finsteres Gesicht, geht zu dem Gehrock und holt eine Kamm raus, aber nicht aus der Seitentasche, wie er es befohle hat, sondern aus der Vordertasche. >Und was ist das? Etwa kein Kamm?" So sagt er und schlägt mich mit dem Kamm auf die Nase. Mit allen Zinken ist er über meine Nase gefahren. Den ganzen Tag kam Blut aus der Nase. Sie sehen selbst, die ganze Nase ist geschwollen ... Ich habe Zeugen, alle haben es gesehen."
"Was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung vorzubringen?" fragte der Friedensrichter und heftete seine Augen auf Pomoev.
Pomoev schaute fragend auf den Richter, dann auf Griška, dann wieder auf den Richter und wurde puterrot.
"Wie soll ich das verstehen?" murmelte er. "Das ist doch Hohn!"
"Sie werden hier nicht verhöhnt", bemerkte Griška, "ich hat mit reinem Gewissen gesprochen. Werden Sie nicht handgreiflich!"
"Schweig!" brüllte Pomoev und klopfte mit dem Stock auf den Fußboden. "Dummkopf! Gesindel!"
Der Friedensrichter nahm schnell die Amtskette ab, sprang auf und lief in seine Kanzlei.
"Ich unterbreche die Sitzung für fünf Minuten!" rief er im Hinausgehen.
Pomoev folgte ihm.
"Hör mal zu", begann der Friedensrichter und schlug die Hände zusammen, "willst du mir etwa einen Skandal machen? Oder ist es dir Esel angenehm, zu hören, wie dich deine Köchinnen und Lakaien in ihren Aussagen herunterputzen? Wozu bist du gekommen? Konnte ich etwa die Sache nicht ohne dich regeln?"
"Und ich bin bei ihm noch der Schuldige!" Pomoev spreizte die Finger. "Hat diese Komödie selbst organisiert und ist noch auf mich böse. Sperr diesen Griška ein und . . . und damit basta!"
"Den Griška einsperren? Pfui! Du bist derselbe Dummkopf geblieben, der du warst! Wie kann ich denn den Griška einsperren?"
"Sperr ihn ein, das ist alles! Willst du etwa mich festsetzen?"
"Haben wir denn noch die Zeiten von früher? Er hat den Griška geschlagen, und der Griška soll eingesperrt werden! Eine erstaunliche Logik! Hast du überhaupt einen Begriff von der gegenwärtigen Rechtspflege?"
"Nie im Leben habe ich einen Prozess geführt und war auch nie Richter, aber soviel verstehe ich, wenn dieser Griška bei mir mit einer Klage über dich erschienen wäre, ich hätte ihn so die Treppe hinuntergeworfen, dass er auch noch seinen Enkeln verboten hätte, sich zu beschweren, aber ich hätte ihm nicht noch erlaubt, freche Bemerkungen zu machen. Sag, dass du mich einfach foppen, dass du nur deine Bravour zeigen willst, und dann Schluss! Als meine Frau die Vorladung las und als sie sah, dass du allen Köchinnen und Viehmägden eine Vorladung geschickt hast, da hat sie gestaunt. Solche Stückchen hatte sie von dir nicht erwartet. So geht das nicht, Petja! Freunde tun so was nicht."
"Aber so begreife doch meine Lage!"
Und Šestikrylov begann Pomoev seine Lage zu erklären.
"Bleib hier sitzen", schloss er, "und ich gehe hinein und werde in deiner Abwesenheit entscheiden. Komm mir um Gottes willen nicht nach! Mit deinen vorsintflutlichen Begriffen platzt du da mit so etwas heraus, dass man gezwungen wird, zu guter Letzt ein Protokoll aufzunehmen."
Šestikrylov ging in den Saal und führte die Verhandlung weiter. Pomoev saß in der Kanzlei an einem kleinen Tisch, las zum Zeitvertreib neuausgefertigte Vollstreckungsbefehle und hörte, wie der Friedensrichter Grika zu einem Vergleich zu überreden versuchte. Griška sträubte sich lange, aber schließlich willigte er ein und forderte für die Beleidigung zehn Rubel.
"Na, Gott sei Dank!" sagte Šestikrylov, als er nach der Verlesung des Urteils in die Kanzlei kam. "Ich bin froh, dass die Sache so ausgegangen ist ... Als wäre ich eine Last von hundert Zentnern losgeworden. Du zahlst an Griška zehn Rubel und kannst ruhig sein."
"Ich an Griška... zehn... Rubel?" Pomoev erstarrte. "Bist du noch bei Verstande?"
"Da, schon gut, schon gut, ich bezahle für dich." Šestikrylov winkte stirnrunzelnd ab. "Ich wäre sogar bereit, hundert Rubel zu geben, nur um keinen Anlass zur Unzufriedenheit zu geben. Und Gott bewahre mich davor, über Bekannte zu Gericht zu sitzen. Statt Griška zu schlagen, mein Lieber, ist es besser, jedes Mal zu mir zu kommen und mich zu verdreschen! Das ist tausendmal einfacher. Gehen wir zu Nataša essen!"
Nach zehn Minuten saßen die Freunde in der Wohnung des Friedensrichters und aßen zum Frühstück gebratene Karauschen.
"Nun gut", begann Pomoev und trank das dritte Glas, "du hast Griška zehn Rubel zugesprochen, aber für wie lange hast du ihn eingelocht?"
"Habe ihn gar nicht eingelocht. Wofür denn?"
"Was heißt wofür?" Pomoev riss die Augen auf. "Na dafür, dass er eine Beschwerde eingereicht hat. Wie kann er sich unterstehen, über mich Beschwerden einzureichen?"
Der Friedensrichter und Nitkin bemühten sich, Pomoev die Sache zu erklären, aber er wollte nicht begreifen und bestand auf seiner Ansicht.
"Man kann sagen, was man will, aber Petka taugt nicht zum Friedensrichter!" sagte er seufzend, als er sich mit Nitkin auf dem Heimweg unterhielt. "Er ist ein gutmütiger, gebildeter Mensch, so gefällig, aber . . . dazu taugt er nicht! Entscheidet nicht, wie es sich gehört .. . Wenn es einem auch leid tut, aber in der nächsten Wahlperiode darf er nicht weitermachen. Es bleibt nichts anderes übrig!"
Anmerkungen
Der Holzkopf (Intelligentnoe brevno). Peterburgskaja gazeta, 23. Juni 1885; Untertitel: "Kleine Szene"; A. Čechonte.
Pomoev - russ. "pomyt'": etwas abwaschen, reinwaschen.
Šestikrylov - Zusammensetzung aus russ. "šest'": sechs, und "krylo": der Flügel.
Nitkin - russ. "nitka": Faden, Garn, Zwirn.
Karauschen - auch Gareis oder Bauernkarpfen, karpfenartiger Süßwasserfisch Nordeuropas, wird bis zu 30 cm lang.
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