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Originaltext
DIE AALRAUPE
Ein Sommermorgen. Ringsum Stille; nur am Ufer zirpt ein Grashüpfer, und irgendwo piept zaghaft ein Vogel. Am Himmel stehen unbeweglich Federwolken, die verschüttetem Schnee ähneln ... Neben einem im Bau befindlichen Badehaus rumort unter den grünen Zweigen eines Weidengebüschs der Zimmermann Gerasim im Wasser herum, ein hochgewachsener hagerer Bauer mit einem roten Schöpf und behaartem Gesicht. Er pustet, keucht und blinzelt heftig mit den Augen, während er sich bemüht, etwas unter den Wurzeln des Weidengebüschs hervorzuholen. Sein Gesicht ist schweißbedeckt. Drei Schritt von Gerasim entfernt steht bis zum Hals im Wasser der Zimmermann Ljubim, ein junger buckliger Bauer mit einem dreieckigen Gesicht und Schlitzäuglein. Wie Gerasim, so ist auch Ljubim nur mit Hemd und Hose bekleidet. Beide sind blau vor Kälte, weil sie schon über eine Stunde im Wasser stecken ...
"Was stößt du denn immer mit der Hand?" schreit der bucklige Ljubim, der wie im Fieber zittert. "Du Dummkopf! Halt sie doch fest, sonst ist das verfluchte Ding weg. Halt fest, sage ich!" ...
"Sie kann nicht weg ... Wohin soll sie denn? Sie hat sich unter die Wurzeln verkrochen", antwortet Gerasim mit einer heiseren, dumpfen Bassstimme, die nicht aus der Kehle, sondern aus der Tiefe des Bauches kommt. "Das Luder ist glitschig, wo soll man sie denn anpacken?" ...
"Pack sie bei den Riemen, bei den Riemen!" ...
"Die Riemen sind doch nicht zu sehen . .. Warte mal, jetzt hab ich was angefaßt .. . An der Lippe hab ich sie gefasst ... Das Luder beißt!"
"Zieh sie nicht an der Lippe, zieh bloß nicht - sonst lässt du sie los! Fass sie bei den Riemen, bei den Riemen! Wieder fängst du an, mit der Hand zu stoßen! Bist du aber ein unverständiger Bauerntrampel, verzeih mir, Mutter Gottes! Pack zu!"
"Pack zu", äfft ihn Gerasim nach. "Was für ein Kommandeur sich da gefunden hat . .. Solltest lieber selber kommen und sie packen, du buckliger Satan... Was stehst du noch da?"
"Ich hätte sie gepackt, wenn es möglich gewesen wäre ... Kann ich denn bei meinem niedrigen Wuchs am Ufer stehen? Dort ist es doch tief!"
"Macht doch nichts, wenn es tief ist ... Schwimmst du eben..."
Der Bucklige breitet die Arme aus, schwimmt an Gerasim heran und hält sich an den Zweigen fest. Bei dem ersten Versuch, sich aufrecht zu stellen, versinkt er unter Wasser, und Blasen steigen hoch.
"Ich hab's dir doch gleich gesagt, es ist zu tief", sagt er und rollt böse die Augen. "Soll ich mich etwa auf deine Schultern setzen?"
"Stelle dich doch auf die Baumwurzeln ... Da sind viele Wurzeln, es ist wie eine Treppe..."
Der Bucklige betastet mit der Ferse die Baumwurzeln und stellt sich darauf, dabei hält er sich an mehreren Ästen zugleich fest... Als er das Gleichgewicht wiederhat und fest auf beiden Beinen steht, beugt er sich herunter und wühlt mit der rechten Hand zwischen den Baumwurzeln herum, wobei er sich bemüht, kein Wasser in den Mund zu bekommen. Seine Hand gerät zwischen Wasserpflanzen, gleitet von dem Moos ab, das die Baumwurzeln bedeckt, und stößt an die scharfen Scheren eines Krebses...
"So einen Satan wie dich hat's hier auch noch nicht gegeben", schimpft Ljubim und schmeißt den Krebs wütend ans Ufer.
Endlich findet seine tastende Hand Gerasims Arm, und als sie an ihm abwärts gleitet, fasst sie an etwas Glitschiges und Kaltes.
"Daa ist sie ...!" Ljubim lächelt. "Grüüß dich, altes Luder ... Spreiz mal die Finger, ich nehme sie gleich ... bei den Riemen... Wart mal, stoß mich nicht mit dem Ellbogen ... Ich habe sie gleich ... gleich, lass mich nur anfassen ... Das Luder hat sich tief unter die Baumwurzeln verkrochen, man kann sich nirgends festhalten. Man kommt nicht an den Kopf ran . .. Nur der Bauch ist zu spüren .. . Schlag die Mücke auf meinem Hals tot - sie sticht mich! Ich pack sie gleich .. . unter den Riemen .. . Komm von der Seite, stoß sie, stoß! Hau sie mit dem Finger!"
Der Bucklige bläst die Backen auf, hält den Atem an, reißt die Augen weit auf und greift anscheinend auch schon mit den Fingern "unter die Kiemen", aber da brechen die Äste, an denen er sich mit der linken Hand festhält, er verliert das Gleichgewicht und plumpst ins Wasser. Wie erschreckt, laufen kreisförmige Wellen vom Ufer weg, und an der Stelle des Sturzes bilden sich Blasen. Der Bucklige taucht auf und langt schnaufend nach den Zweigen.
"Wirst noch ersaufen, du Satan, da wird man noch wegen dir zur Verantwortung gezogen werden..." schreit Gerasim heiser. "Hau ab, scher dich zum Kuckuck! Ich hol sie selber raus!"
Es beginnt ein Geschimpfe . .. Die Sonne aber brennt und brennt. Die Schatten werden kürzer und ziehen sich in sich selbst zurück wie die Fühlhörner einer Schnecke ... Das hohe Gras, von der Sonne erwärmt, strömt einen satten süßlichen Honiggeruch aus. Es ist bald Mittag, aber Gerasim und Ljubim zappeln noch immer unter dem Weidengebüsch herum. Der heisere Bass und der frostige, kreischende Tenor stören unaufhörlich die Stille des Sommertages.
"Zieh sie an den Riemen, zieh! Warte, ich stoße sie raus! Wo willst du denn mit der Faust hin? Stoß mit dem Finger, aber nicht mit der Faust - in die Schnauze! Komm von der Seite! Komm von links, rechts ist eine tiefe Stelle. Du kommst sonst gerade dem Teufel zum Abendbrot zurecht! Zieh an der Lippe!"
Man hört das Knallen einer Peitsche ... Das abschüssige Ufer entlang schleppt sich träge, von dem Hirten Efim getrieben, eine Herde zur Tränke.
Der Hirt, ein gebrechlicher Alter mit nur einem Auge und einem schiefen Mund, geht mit gesenktem Kopf und schaut auf seine Füße. Als erste kommen die Schafe ans Wasser, nach ihnen die Pferde, nach den Pferden die Kühe.
"Stoß sie von unten!" hört er Ljubims Stimme. "Steck den Finger durch! Bist du denn taub, du Satan? Pfui!"
"Wen habt ihr da, Brüderchen?" ruft Efim.
"Eine Aalraupe! Wir können sie nicht rausziehen! Hat sich unter die Baumwurzeln verkrochen! Komm von der Seite! Komm ran, komm ran!"
Efim heftet für einen Augenblick sein zusammengekniffenes Auge auf die Angler, wirft ein Säckchen von den Schultern und zieht das Hemd aus. Ihm fehlt die Geduld, auch noch die Hosen abzulegen; er bekreuzigt sich, balanciert mit seinen mageren, dunklen Armen und steigt mit den Hosen ins Wasser... Etwa fünfzig Schritt geht er über den schlammigen Grund, dann schwimmt er los.
"Wartet mal, Jungs!" schreit er. "Wartet! Zieht sie nicht unüberlegt raus, sie entwischt euch! Das muss man verstehen ...!"
Efim schließt sich den Zimmerleuten an, und alle drei schubsen einander keuchend und schimpfend mit den Ellbogen und Knien und bedrängen sich auf engem Raum. Der bucklige Ljubim verschluckt sich, und die Luft ist erfüllt von seinem schrillen, krampfhaften Husten.
"Wo ist der Hirt?" ruft jemand vom Ufer herüber. "Efim! Hirte! Wo steckst du? Die Herde ist in den Garten eingedrungen. Jag sie aus dem Garten raus! Schnell! Wo ist er denn, der alte Raufbold?!"
Man hört Männerstimmen, darauf eine Frauenstimme. Aus dem mit einem Gitter umzäunten herrschaftlichen Garten kommt der gnädige Herr Andrej Andreevic, er hat einen Schlafrock aus persischem Wollstoff an und hält eine Zeitung in der Hand ... Er schaut fragend zum Flussufer hinüber, aus dessen Richtung Schreie ertönen, und trippelt dann schnell zum Badehaus...
"Was ist hier los? Wer brüllt hier so?" fragt er streng, als er durch die Äste des Weidengebüsches die drei nassen Köpfe der Angler erblickt. "Was wühlt ihr hier herum?"
"Wir fangen Fi .. . Fischchen..." stammelt Efim, ohne den Kopf zu heben.
"Ich werde dir gleich ein Fischchen geben! Die Herde ist in den Garten eingedrungen, und er fängt Fischchen ...! Wann wird das Badehaus fertig, ihr Teufelsbraten? Zwei Tage arbeitet ihr schon, und wo ist was von eurer Arbeit zu sehen?"
"Wi... wird fertig..." ächzt Gerasim. "Der Sommer ist lang, wirst noch Zeit haben. Euer Hochwohlgeboren, dich zu waschen ... Brrr ... Wir können hier nicht mit der Aalraupe fertig werden... Hat sich unter die Baumwurzeln versteckt und sitzt wie in einer Höhle: weder raus noch rein."
"Eine Aalraupe?" fragt der Herr, und seine Augen beginnen zu glänzen. "So zieht sie doch schnell heraus!"
"Dann gib aber fünfzig Kopeken... Wenn wir dir den Gefallen tun sollen ... Kräftig ist die Aalraupe, wie eine Kaufmannsfrau ... Ist ihre fünfzig Kopeken wert... Euer Wohlgeboren . .. für die Mühe. Drück sie nicht, Ljubim, drück sie nicht, sonst quälst du sie noch zu Tode! Stoß von unten! Zieh mal die Baumwurzel hoch, mein Guter ... wie heißt du? Hoch, aber nicht runter, du Satan! Haltet die Beine still!"
Es vergehen fünf Minuten, es vergehen zehn... Dem gnädigen Herrn reißt die Geduld.
"Vasilij!" ruft er und wendet sich dabei nach dem Gutshof um. "Vaska! Ruft mir mal den Vasilij her!"
Der Kutscher Vasilij kommt angelaufen. Er kaut etwas und atmet schwer.
"Steig ins Wasser", befiehlt ihm der Herr. "Hilf ihnen, eine Aalraupe herauszuziehen... Sie kriegen die Aalraupe nicht raus!"
Vasilij zieht sich schnell aus und steigt ins Wasser.
"Gleich, gleich ..." brummt er. "Wo ist die Aalraupe? Gleich, gleich ... Wir schaffen das im Nu! Geh du lieber weg, Efim! Du alter Mann brauchst dich nicht in fremde Angelegenheiten zu mischen! Welches ist hier die Aalraupe? Gleich, gleich ... Da ist sie. Nehmt die Hände weg!"
"Was heißt das, nehmt die Hände weg? Das wissen wir selbst:
nehmt die Hände weg! Zieh du sie mal raus!"
"Ja, kann man sie denn so rausziehen? Man muss am Kopf anfassen."
"Aber der Kopf ist unter der Baumwurzel! So steht die Sache, du Trottel!"
"Nun, schnauze mal nicht, sonst setzt's was! So ein Pack!"
"Vor dem gnädigen Herrn und solche Worte ..." ächzt Efim. "Ihr werdet sie nicht rausziehen, Brüder! Hat sich da zu geschickt versteckt."
"Warte mal! Ich komme gleich ..." sagt der Herr und entkleidet sich hastig. "Vier Dummköpfe seid ihr und könnt eine Aalraupe nicht rausziehen."
Nachdem Andrej Andreevic sich entkleidet hat, kühlt er sich noch etwas ab und steigt ins Wasser. Aber auch sein Einschreiten führt zu keinem Erfolg.
"Man muß die Baumwurzel abhauen", entscheidet endlich Ljubim.
"Gerasim, hol die Axt! Reicht mir die Axt!"
"Haut euch nicht die Finger ab!" mahnt der Herr, als er hört, wie unter Wasser mit der Axt auf die Baumwurzel eingehauen wird. "Efim, mach, dass du wegkommst! Wartet mal, ich ziehe die Aalraupe heraus .. . Ihr schafft das nicht..."
Die Baumwurzel ist von unten angehauen. Sie lässt sich leicht knicken, und Andrej Andreevic fühlt zu seinem großen Vergnügen, wie seine Finger unter die Kiemen der Aalraupe gleiten.
"Ich ziehe, Brüder! Drängelt nicht so ... bleibt stehen ... ich ziehe!"
An der Oberfläche taucht der große Kopf einer Aalraupe auf und danach ein schwarzer Körper, einen Aršin lang. Die Aalraupe bewegt heftig ihren Schwanz und versucht sich loszureißen.
"So siehst du also aus ... Pustekuchen, mein Schatz! Bist reingefallen, was?"
Alle Gesichter sind von honigsüßem Lächeln überzogen. Einige Augenblicke vergehen in schweigender Betrachtung.
"Eine ansehnliche Aalraupe." Efim stöhnt und kratzt sich am Schlüsselbein. "An die zehn Pfund wird sie wohl haben ..."
"Tja .. ." stimmt der Herr zu. "Die Leber ist ganz geschwollen ... drängt nur so aus dem Innern raus. A... ach!"
Die Aalraupe bewegt plötzlich und unerwartet heftig den Schwanz, die Angler hören einen gewaltigen Platsch . .. Alle breiten die Arme aus, aber es ist schon zu spät - die Aalraupe ist spurlos verschwunden.
Anmerkungen
Die Aalraupe (Nalim). Peterburgskaja gazeta, 1. Juni 1885, Untertitel dort: "Kleine Szene"; A. Čechonte.
Aalraupe - auch Aalquappe, Aalrutte, dorschähnlicher Süßwasser-Raubfisch, wird bis zu i Meter lang; als Delikatesse gilt die Leber dieses Fischs.
bei den Riemen - statt des gebräuchlichen Wortes "žabra" (für "Kiemen") benützt das russische Original hier ein schönes älteres Wort ("zebri"), das ebensoviel bedeutet wie Kiemen und, weitergehend, Unterkiefer.
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