Originaltext
IN DER APOTHEKE

Es war spät am Abend. Der Hauslehrer Egor Alekseič Svojkin begab sich, um nicht unnütz Zeit zu verlieren, vom Arzt direkt zur Apotheke. Als ginge man zu einer reichen Mätresse oder zu einem Eisenbahner, dachte er, als er die glänzende und mit teuren Teppichen belegte Treppe zur Apotheke hinaufstieg. Man traut sich kaum aufzutreten!
Als Svojkin die Apotheke betrat, schlug ihm ein Geruch entgegen, der allen Apotheken der Welt eigen ist. Die Wissenschaft und die Arzneien ändern sich mit der Zeit, aber der Apothekengeruch ist so ewig wie die Materie. Bereits unsere Großväter haben ihn gerochen, und auch unsere Enkel werden ihn noch riechen. Wegen der späten Stunde waren keine Kunden in der Apotheke. Hinter einem glänzenden gelben Schreibpult, das mit signierten Döschen vollgestellt war, stand ein hochgewachsener Herr mit eindrucksvollem zurückgeworfenem Kopf, strengem Gesicht und gepflegtem Backenbart - allem Anschein nach der Provisor. Von der kleinen Glatze bis zu den langen rosigen Fingernägeln war an diesem Mann alles so sorgfältig gebügelt, gesäubert und wie geleckt, als wolle er zur Trauung gehen. Seine finster blickenden Augen schauten auf die auf dem Schreibpult liegende Zeitung hinab. Er las. Seitwärts hinter einem Drahtgitter saß der Kassierer und zählte das Kleingeld. Auf der anderen Seite des Ladentisches, der die lateinische Küche von der Kundschaft trennte, hantierten im Dämmerlicht zwei dunkle Gestalten. Svojkin trat an das Schreibpult und reichte dem gebügelten Herrn ein Rezept. Der nahm es, ohne hinzusehen, las in der Zeitung bis zum nächsten Punkt, machte eine leichte Kopfbewegung nach rechts und murmelte: "Calomeli grana duo, sacchari albi grana quinque, numero de-cem!"
"Ja!" rief aus der Tiefe der Apotheke eine schrille metallische Stimme. Mit derselben dumpfen, gemessenen Stimme diktierte der Provisor die Mixtur. "Ja!" rief es aus der anderen Ecke.
Der Provisor schrieb etwas auf das Rezept, machte ein finsteres Gesicht, warf den Kopf zurück und senkte dann die Augen wieder auf die Zeitung. "In einer Stunde ist es fertig", brummte er durch die Zähne und suchte mit den Augen den Punkt, wo er stehengeblieben war.
"Geht es nicht schneller?" murmelte Svojkin. "Es ist für mich ganz unmöglich zu warten."
Der Provisor antwortete nicht. Svojkin setzte sich auf das Sofa und wartete. Der Kassierer war mit dem Zählen des Kleingeldes fertig, er seufzte tief und klapperte mit den Schlüsseln. Im Hintergrund begann eine der dunklen Gestalten mit einem Marmormörser zu hantieren. Die andere Gestalt schüttelte etwas in einem blauen Fläschchen durcheinander. Irgendwo tickte rhythmisch und behutsam eine Uhr.
Svojkin war krank. In seinem Mund brannte es, in den Händen und Füßen spürte er ein Ziehen, durch seinen schwer gewordenen Kopf schwirrten nebelhafte Bilder, die Ähnlichkeit mit Wolken und vermummten menschlichen Gestalten hatten. Den Provisor, die Regale mit den Glasnäpfen, die Gasbrenner und die "Wandschränkchen sah er wie durch einen Schleier, und das eintönige Klopfen des Marmormörsers und das langsame Ticken der Uhr schienen nicht von außen zu kommen, sondern in seinem Kopf zu sein . . . Das Gefühl der Zerschlagenheit und Nebelschleier breitete sich immer mehr über seinen Körper aus. Er wartete noch etwas, und als er fühlte, dass ihm von dem Klopfen des Mörsers übel wurde, entschloss er sich, mit dem Provisor zu reden, um sich aufzumuntern ...
"Ich bekomme wahrscheinlich Fieber", erklärte er. "Der Arzt hat gesagt, es sei noch schwer, zu bestimmen, was für eine Krankheit ich habe, aber ich bin schon sehr schwach... Ein Glück, dass ich in der Hauptstadt erkrankt bin, aber Gott bewahre mich vor solch einem Missgeschick auf dem Lande, wo es keine Ärzte und Apotheken gibt!"
Der Provisor stand regungslos, hatte den Kopf zurückgeworfen und las. Er antwortete Svojkin weder mit einem Wort noch mit einer Bewegung, er tat, als habe er nichts gehört ... Der Kassierer gähnte laut und strich mit einem Streichholz über seine Hosen ... Das Klopfen des Marmormörsers wurde immer lauter und klangvoller. Als Svojkin merkte, dass man ihm nicht zuhörte, blickte er auf die Regale mit den Glasnäpfen und begann die Aufschriften zu lesen... An seinen Augen huschten zuerst alle möglichen Radixe vorbei: von Enzian, Pimpinelle, Tormentill, Sedoaria und anderen. Nach den Radixen tauchten Tinkturen, öle und Samen auf, mit Namen, von denen einer immer schwieriger und vorsintflutlicher war als der andere.
Wieviel unnötigen Ballast es hier wohl gibt! dachte Svojkin. Wieviel Routine steckt in diesen Näpfen, die hier nur aus Tradition stehen, und wie ist das gleichzeitig alles solide und eindrucksvoll!
Von den Regalen wandte Svojkin seinen Blick auf das neben ihm stehende Glasschränkchen. Hier sah er Gummiringe, Kügelchen. Spritzen, Büchschen mit Zahnpasta, Pierrottropfen, Adelheimtropfen, kosmetische Seifen und Salben zur Förderung des Haarwuchses...
Ein Junge mit einer schmutzigen Schürze betrat die Apotheke und verlangte für zehn Kopeken Ochsengalle.
"Sagen Sie bitte, wozu benutzt man Ochsengalle?" Der Lehrer wandte sich an den Provisor und freute sich, dass er ein Gesprächsthema gefunden hatte. Da Svojkin auf seine Frage keine Antwort erhielt, begann er die strenge, arrogant-gelehrte Physiognomie des Provisors zu betrachten.
Eigenartige Menschen sind das, bei Gott! dachte er. Weswegen setzen sie eine so gelehrte Miene auf. Sie knöpfen ihren lieben Nächsten das Dreifache ab und verkaufen Salben für Haarwuchs, aber sieht man ihre Gesichter an, möchte man meinen, sie seien in Wirklichkeit Adepten der Wissenschaft. Sie schreiben lateinisch und sprechen deutsch ... Sie täuschen etwas Mittelalterliches vor... Wenn man gesund ist, bemerkt man diese trockenen, harten Gesichter nicht, ist man aber krank, so wie ich jetzt, dann ist man entsetzt, dass eine heilige Sache in die Hände dieser gefühllosen, geschniegelten Figur geraten ist...
Als Svojkin das regungslose Gesicht des Provisors weiter betrachtete, fühlte er plötzlich den Wunsch, sich um jeden Preis hinzulegen, weit weg vom Licht, von der gelehrten Physiognomie und dem Klopfen des Marmormörsers... Eine krankhafte Müdigkeit bemächtigte sich seines ganzen Körpers. Er trat an den Ladentisch und bat mit einer flehenden Grimasse:
"Seien Sie so liebenswürdig und lassen Sie mich gehen! Ich ... ich bin krank..."
"Gleich... Bitte, lehnen Sie sich nicht an!"
Der Lehrer setzte sich auf das Sofa, verjagte die nebelhaften Bilder aus seinem Kopf und beobachtete den rauchenden Kassierer.
Erst eine halbe Stunde ist vergangen, dachte er, ebensoviel ist noch geblieben... Unerträglich!
Aber endlich trat ein kleiner, schwarzer Pharmazeut an den Provisor heran und legte eine Schachtel mit Pulver und ein Fläschchen mit einer rosafarbenen Flüssigkeit vor ihm auf den Tisch... Der Provisor las bis zum Punkt, trat langsam vom Schreibpult zurück, nahm das Fläschchen in die Hand und schüttelte es vor seinen Augen... Dann schrieb er eine Signatur, band sie an den Hals des Fläschchens und langte nach dem Siegel...
Na, wozu diese Zeremonien? dachte Svojkin. Ein Zeitverlust, und man wird außerdem noch Geld dafür nehmen.
Nachdem der Provisor die Mixtur eingewickelt, verschnürt und versiegelt hatte, machte er dasselbe auch mit dem Pulver.
"Wollen Sie es bitte in Empfang nehmen!" sagte er endlich, ohne Svojkin anzusehen. "Zahlen Sie an der Kasse einen Rubel sechs Kopeken!"
Svojkin griff in die Tasche und holte einen Rubel heraus; dabei fiel ihm ein, dass er außer diesem Rubel keine Kopeke mehr bei sich hatte ...
"Einen Rubel sechs Kopeken?" brummte er verlegen. "Aber ich habe nur einen Rubel bei mir. Ich dachte, ein Rubel würde reichen ... Was ist da zu machen?"
"Weiß ich nicht", sagte der Provisor betont scharf und machte sich wieder an die Zeitung.
"In diesem Falle müssen Sie schon entschuldigen... Ich bringe Ihnen die sechs Kopeken morgen vorbei oder schicke sie..."
"Das geht nicht... Wir geben keinen Kredit..."
"Was soll ich nun machen?"
"Gehen Sie nach Hause, bringen Sie die sechs Kopeken, dann bekommen Sie auch die Arznei."
"Meinetwegen, aber... das Laufen fällt mir schwer, und ich kann niemanden schicken..."
"Ich weiß nicht. Das geht mich nichts an..."
"Hm..." Der Lehrer überlegte. "Gut, ich gehe nach Hause ..."
Svojkin verließ die Apotheke und begab sich heimwärts .. . Bis er sein Hotelzimmer erreicht hatte, musste er sich fünfmal hinsetzen, um auszuruhen. Als er endlich angelangt war und im Tischkasten einige Kupfermünzen gefunden hatte, setzte er sich auf das Bett, um zu verschnaufen... Irgendeine Kraft zog seinen Kopf auf das Kissen ... Er legte sich hin, vielleicht für eine Minute . .. Die nebelhaften Bilder in Form von Wolken und die vermummten Gestalten begannen sein Bewusstsein zu trüben ... Nach einiger Zeit fiel ihm ein, dass er in die Apotheke gehen musste, er wollte sich zum Aufstehen zwingen, aber die Krankheit hatte ihn übermannt. Die Kupfermünzen fielen ihm aus der Hand, und der Kranke träumte, er sei schon in die Apotheke gegangen und rede dort mit dem Provisor.



Anmerkungen
In der Apotheke (V apteke). Peterburgskaja gazeta, 6. Juli 1885, Untertitel dort: "Kleine Szene".
Svojkin - russ. "svoj": sein; auch mein, besitzanzeigendes Fürwort.
Provisor - latein. allgemein für "Verwalter", "Verweser"; in Apotheken früher der "erste Gehilfe" des Apothekers.
Calomeli grana duo... - latein. "Zwei Gran Kalomel, fünf Gran weißen Zucker, Numero Zehn." Kalomel oder Quecksilberchlorür, früher als Arzneimittel verwendet bei entzündlichen Affektionen, Wassersucht, Milz- und Leberleiden; als Abführmittel, bei Brechdurchfall, Syphilis u. a.
"Ja!" rief aus der Tiefe - "Ja!" im Original deutsch.
Radixe - im Original in Anführung; lat. "Wurzeln", korrekter Plural: radices.
Öle und Samen - im Original lateinisch mit russischen Pluralendungen, etwa: "oleum's und semen's".