Originaltext
DER JÄGER

Die Mittagshitze ist drückend und schwül. Kein Wölkchen zeigt sich am Himmel .. . Das von der Sonne ausgedörrte Gras sieht verzagt und hoffnungslos aus: auch wenn es Regen gäbe, würde es nicht mehr grün werden . . . Schweigend und regungslos steht der Wald, als betrachte er etwas mit seinen Wipfeln oder erwarte etwas.
Am Rand der Lichtung watschelt träge ein hochgewachsener, schmalschultriger Mann von etwa vierzig Jahren entlang, bekleidet mit einem roten Hemd, geflickten herrschaftlichen Beinkleidern und großen Stiefeln. Er geht langsam den Weg entlang. Rechts grünt die Lichtung, links erstreckt sich bis an den Horizont das goldgelbe Meer des reifen Roggens ... Er ist rot und in Schweiß geraten. Auf seinem schönen blonden Kopf sitzt verwegen eine kleine weiße Mütze mit geradem Jockeischirm, offensichtlich das Geschenk eines freigebigen Junkers. Über seiner Schulter hängt eine Jagdtasche, in der zusammengedrückt ein Birkhahn liegt. In seinen Händen hält der Mann eine Doppeflinte mit gespannten Hähnen; er blickt mit zusammengekniffenen Augen auf seinen alten, mageren Hund, der vorneweg läuft und das Gebüsch beschnuppert. Ringsum ist es still, kein Laut ist zu hören . . . Alles Lebende hat sich vor der Gluthitze versteckt.
"Egor Vlasyč, hört der Jäger plötzlich eine leise Stimme. Er fährt zusammen, sieht sich um und runzelt die Stirn. Neben ihm steht wie aus dem Erdboden gestampft ein blasses Weib von etwa dreißig Jahren mit einer Sichel in der Hand. Sie bemüht sich, in sein Gesicht zu schauen, und lächelt verlegen.
"Ach, du bist es, Pelageja", sagt der Jäger, bleibt stehen und lässt langsam die Hähne los. "Hm! Wie kommst du denn hierher?" "Hier arbeiten Frauen aus unserem Dorf, ich bin mit ihnen zusammen . .. Als Arbeiterin, Egor Vlasyč."
"Soo . .." brummte Egor Vlasyč und geht langsam weiter.
Pelageja folgt ihm. Sie gehen schweigend etwa zwanzig Schritte.
"Ich habe Sie lange nicht mehr gesehen, Egor Vlasyč..", sagt Pelageja und schaut zärtlich auf die sich bewegenden Schultern des Jägers. "Seit Sie in der Osterwoche zu uns kamen, um Wasser zu trinken, seit jener Zeit habe ich Sie nicht mehr gesehen ... Sie kamen für einen Augenblick, aber Gott weiß auch in was für einem Zustand . . . Sie haben geschimpft, mich geschlagen und sind weggegangen. Ich habe gewartet, gewartet. . . habe mir die Augen ausgeguckt, so habe ich auf Sie gewartet . . . Ach, Egor Vlasyč, Egor Vlasyč! Wenn Sie doch einmal gekommen wären!"
"Was soll ich denn bei dir machen?"
"Das stimmt, zu tun ist nichts, aber so ... es ist doch eine Wirtschaft ... Nachsehen, wie und was ... Sie sind doch der Hausherr . . . Da schau her, einen Birkhahn haben Sie geschossen, Egor Vlasyč. Setzen Sie sich doch, ruhen Sie sich aus . . ."
Während Pelageja das alles spricht, lacht sie wie eine kleine Närrin und schaut zu Egors Gesicht auf .. . Sie strahlt nur so vor Glück . .. "Mich hinsetzen? Meinetwegen..." sagt Egor gleichgültig und sucht sich ein Plätzchen zwischen zwei hochgewachsenen Tannen aus. "Warum stehst du denn? Setz dich doch auch!"
Pelageja setzt sich ein Stück von ihm entfernt in die pralle Sonne; sie schämt sich ihrer Freude und bedeckt den lächelnden Mund mit der Hand. Etwa zwei Minuten vergehen in Schweigen.
"Wenn Sie nur einmal kämen!" sagt Pelageja leise.
"Wozu?" Egor seufzt, nimmt seine Schirmmütze ab und wischt sich mit dem Ärmel die rote Stirn. "Es besteht doch keinerlei Notwendigkeit. Für ein oder zwei Stunden kommen - das ist nur mit Scherereien verbunden und für dich eine Aufregung, aber ständig im Dorf leben, das hält meine Seele nicht aus ... Du weißt selbst, ich bin verwöhnt... Ich brauche ein Bett, guten Tee und delikate Gespräche ... Für mich muss alles dasein, aber bei dir dort im Dorf gibt es nur Armut, Ruß . .. Nicht einen Tag könnte ich es da aushallen. Wenn, nehmen wir mal an, ein Befehl herauskäme, dass ich bei dir leben müsste, so würde ich entweder unser Haus niederbrennen oder mir das Leben nehmen. Von klein auf bin ich so verwöhnt, da ist nichts zu machen."
"Wo wohnen Sie jetzt?"
"Bei dem gnädigen Herrn Dmitrij Ivanyč, bin als Jäger .. . Ich liefre für seine Küche Wild, aber in der Hauptsache ... hält er mich so ... zum Vergnügen."
"Ihre Tätigkeit ist keine ernsthafte, Egor Vlasyč ... Für die Menschen ist das eine Spielerei, aber Sie betreiben es gleichsam als Handwerk ... eine regelrechte Beschäftigung ..."
"Das verstehst du nicht, dummes Frauenzimmer", sagt Egor und blickt verträumt zum Himmel hinauf. "Du hast mich nie verstanden, und du wirst dein Leben lang nicht verstehen, was für ein Mensch ich bin ... Nach deiner Meinung bin ich ein zügelloser, auf Abwege geratener Mensch, aber wer was versteht, für den bin ich der beste Schütze im ganzen Kreis. Die Herrschaften spüren das und haben über mich sogar in einer Zeitschrift geschrieben. Kein Mensch kann sich mit mir, was die Jagd betrifft, messen ... Aber wenn ich einen Widerwillen gegen eure Landarbeit habe, so ist es nicht aus Übermut und nicht aus Stolz. Seit meiner Kinderzeit, weißt du, habe ich außer dem Gewehr und den Hunden keine andere Beschäftigung kennengelernt. Hat man mir das Gewehr abgenommen, nahm ich die Angel, hat man mir die Angel abgenommen, ernährte ich mich durch meiner bloßen Hände Arbeit. Nun, und mit Pferden habe ich auch Handel getrieben, habe midi auf den Jahrmärkten herumgedrückt, wenn ich Geld hatte, und du weißt doch selbst, wenn ein Bauer sich zu den Jägern oder Pferdehändlern gesellt, dann leb wohl, Pflug! Wenn sich der Geist der Freiheit erst einmal im Menschen festsetzt, kann man ihn mit nichts wieder austreiben. Das ist auch so, wenn irgendein Gutsherr zu den Schauspielern geht oder andere Künste betreibt - dann kann er weder Beamter noch Gutsbesitzer mehr sein. Du begreifst das nicht, Weib, aber das muss man begreifen."
"Ich begreife schon, Egor Vlasyč."
"Offensichtlich begreifst du es nicht, wenn du zu weinen anfängst..." "Ich ... ich weine nicht . . ." sagt Pelageja und dreht sich um. "Es ist eine Sünde, Egor Vlasyč! Wenn Sie doch nur einen Tag mit mir Unglücklichen gelebt hätten. Es sind schon zwölf Jahre, seit ich Sie geheiratet habe, und ... und zwischen uns war noch keine Liebe ... Kein einziges Mal ... Ich ... ich weine nicht..."
"Liebe ..." brummt Egor und kratzt sich an der Hand. "Zwischen uns kann von Liebe keine Rede sein. Wir sind nur dem Namen nach Mann und Frau, und muss es nicht so sein? Ich ! bin für dich ein wilder Mann, und du bist für mich ein einfaches, unverständiges Weib. Sind wir denn ein richtiges Paar? Ich bin frei, verwöhnt, ein Bummler, und du bist ein Arbeitstier, trägst Bastschuhe, lebst im Schmutz und kannst deinen Rücken vor Arbeit kaum noch geradebiegen. Ich bin in bezug auf mich der Meinung, dass ich auf dem Gebiet der Jagd der erste Mann bin, und du schaust mich voll Mitleid an ... Wo ist denn hier ein Paar?"
"Wir sind doch getraut, Egor Vlasyč!" schluchzt Pelageja.
"Wir wurden nicht freiwillig getraut ... Hast du das etwa vergessen? Bedanke dich beim Grafen Sergej Pavlyc ... und bei dir ... Der Graf hat aus Neid, weil ich besser schieße als er, mich einen ganzen Monat mit Wein traktiert, und einen Betrunkenen kann man nicht nur heiraten, sondern auch zu einem anderen Glauben verleiten. Aus Rache hat er mich, betrunken, wie ich war, plötzlich mit dir verheiratet . .. Egor mit einer Viehmagd! Du hast doch gesehen, dass ich betrunken war, warum hast du mich geheiratet? Bist doch keine Leibeigene, konntest dich dagegen sträuben! Natürlich, eine Viehmagd kann von Glück reden, wenn sie einen Jäger kriegt, aber man muss auch überlegen. Da musst du nun leiden und weinen. Für den Grafen ist das ein Scherz, aber du weinst .. . möchtest mit dem Kopf gegen die Wand rennen ..."
Es tritt Schweigen ein.
Über die Lichtung fliegen drei wilde Enten. Egor blickt ihnen nach und begleitet sie mit den Augen, bis sie sich in drei kaum noch sichtbare Punkte verwandelt haben und sich weit hinter dem Wald niederlassen. "Wovon lebst du denn?" fragt er und lenkt seinen Blick von den Enten auf Pelageja.
"Jetzt gehe ich arbeiten, und im Winter nehme ich ein Kindchen aus dem Findelhaus und ernähre es mit der Flasche. Man gibt mir dafür anderthalb Rubel im Monat."
"So..."
Wieder Schweigen. Von dem gemähten Feld her ertönt ein leises Lied, das gleich am Anfang abbricht. Es ist zu heiß zum Singen ... "Man erzählt, Sie hätten Akulina ein neues Haus gebaut", sagt Pelageja.
Egor schweigt. "Also liegt sie Ihnen am Herzen .. ."
"Du hast schon ein Glück, das ist Schicksal", sagt der Jäger und streckt sich. "Dulde, Waise. Aber leb wohl, habe die Zeit verplaudert ... Ich muss noch bis zum Abend in Bolotovo sein..."
Egor steht auf, reckt sich und wirft das Gewehr über die Schulter. Pelageja erhebt sich ebenfalls.
"Und wann kommen Sie ins Dorf?" fragt sie leise.
"Das ist zwecklos. Nüchtern komme ich niemals, und von einem Betrunkenen hast du wenig. Ich bin boshaft, wenn ich betrunken bin ... Leb wohl!"
"Leben Sie wohl, Egor Vlasyč ..."
Egor schiebt seine Schirmmütze ins Genick, schnalzt mit der Zunge, um den Hund zu rufen, und setzt seinen Weg fort. Pelageja bleibt auf demselben Fleck stehen und schaut ihm nach ... Sie sieht, wie sich seine Schultern bewegen, sieht den strammen Nacken, seinen trägen, nachlässigen Gang, und ihre Augen sind erfüllt von Wehmut und zärtlicher Liebkosung. Ihr Blick streicht voller Zärtlichkeit über die hagere, hochgewachsene Gestalt ihres Mannes ... Und als habe er diesen Blick gefühlt, bleibt er stehen und schaut sich um ... Er schweigt, aber an seinem Gesicht und den leicht gehobenen Schultern erkennt Pelageja, dass er ihr etwas sagen will. Sie nähert sich ihm schüchtern und sieht ihn mit flehenden Augen an. "Da hast du!" sagt er und wendet sich ab.
Er reicht ihr einen abgenutzten Rubelschein und geht eilig weg.
"Leben Sie wohl, Egor Vlasyč", sagt sie, als sie mechanisch den Rubelschein in Empfang nimmt.
Er geht den geraden Weg entlang, der sich wie ein endloser Riemen dahinzieht. Sie steht blass und regungslos da, wie eine Statue, und verfolgt jeden seiner Schritte mit ihrem Blick. Aber dann fließt die rote Farbe seines Hemdes mit der dunklen der Beinkleider zusammen, die Schritte sind nicht mehr zu sehen, der Hund ist nicht mehr von den Stiefeln zu unterscheiden ... Nur seine kleine Schirmmütze leuchtet noch, aber ... da wendet sich Egor scharf nach rechts zu einer Lichtung, und die Schirmmütze verschwindet im Grünen.
"Leben Sie wohl, Egor Vlasyč!" flüstert Pelageja und stellt sich auf die Fußspitzen, um wenigstens noch einmal die kleine weiße Mütze zu sehen.



Anmerkungen
Der Jäger (Eger'). Peterburgskaja gazeta, 18. Juli 1885, "Kleine Szene"; A. Čechonte.