|
Originaltext
SCHWÄTZER
Aleksej Fedorovič Vosmerkin führte seinen Bruder, den Magister, der zu Besuch gekommen war, durch seinen Gutshof und zeigte ihm die Wirtschaft. Beide hatten gerade gefrühstückt und waren leicht angeheitert.
"Das ist die Schmiede, lieber Bruder", erklärte Vosmerkin. "An diesem Galgen werden die Pferde beschlagen .. . Und das hier, lieber Bruder, ist das Badehäuschen . .. Da steht ein langes Sofa drin, unter dem Sofa sitzen Puten in Käfigen und brüten ... Wenn man das Sofa anguckt, fällt einem so manches ein ... Ich heize das Bad nur im Winter ... Eine feine Sache, Bruder! Nur ein Russe konnte sich so ein Dampfbad ausdenken! In einer Stunde erlebt man auf der obersten Planke so viel, wie ein Italiener oder Deutscher in hundert Jahren nicht erlebt... Man liegt wie in der Hölle, und dann kommt Avdotja mit dem Birkenbesen und ... zackzack ... zackzack ... Man steht auf, trinkt kalten Kvas, und wieder geht es zackzack... Dann kriecht man, rot wie ein Satan, von der Planke herunter . .. Und das hier ist die Gesindestube ... Da wohnt mein Gesinde... Wollen wir reingehen?"
Der Gutsbesitzer und der Magister bückten sich und betraten eine niedrige, nicht verputzte, baufällige Hütte mit eingefallenem Dach und einem zerbrochenen Fenster. Bei ihrem Eintritt schlug ihnen der Geruch von Suppe entgegen. In der Gesindestube wurde zu Mittag gegessen ... Männer und Frauen saßen an einem langen Tisch und aßen mit großen Löffeln Erbsensuppe. Als sie die Herrschaft erblickten, hörten sie auf zu kauen und erhoben sich.
"Da sind sie, meine Leute..." begann Vosmerkin, während er die Essenden musterte. "Guten Appetit, Kinder!"
"Dandandankekeke..."
"Da sind sie! Da ist Russland, lieber Bruder! Das wirkliche Russland! Ein Volk, wie gemalt! Und was für ein Volk! Welches Vieh - verzeih mir Gott - von Franzosen oder Deutschen kann sich mit ihm vergleichen? Unserem Volk gegenüber sind alle Schweine, Lausekerle!"
"Nun, sag das nicht...", lallte der Magister, der sich, um die Luft zu verbessern, eine Zigarre ansteckte. "Jedes Volk hat seine historische Vergangenheit. .. seine Zukunft..."
"Du bist ein Westler! Begreifst du denn nicht? Darin liegt ja gerade das Unglück, dass ihr Gelehrten das Fremde lernt, aber von eurem Eigenen nichts wissen wollt! Ihr verachtet es, geht ihm aus dem Wege! Ich habe aber gelesen, und ich bin damit einverstanden: die Intelligenz ist angefault, und wenn man noch Ideale finden kann, dann nur bei denen hier, bei diesen Tagedieben ... Nehmen wir mal den Filka..."
Vosmerkin trat zu dem Viehhirten Filka und rüttelte ihn an der Schulter. Filka grinste und gab einen dumpfen Laut von sich...
"Nehmen wir nur diesen Filka... Nun, was lachst du Dummkopf? Ich spreche im Ernst, aber du lachst... Nehmen wir nur diesen Tölpel... Guck mal, Magister! Ein Kreuz wie ein Spind! Eine Brust wie bei einem Elefanten! Diesen verflixten Kerl wirst du nicht von der Stelle rücken! Und wieviel moralische Kraft sich in ihm verbirgt! Wieviel sich verbirgt! Diese Kraft reicht für zehn von euch Intellektuellen ... Nur Mut, Filka! Pass auf! Weiche nicht ab von deinem Weg! Halte dich tapfer! Wenn dir jemand was erzählen, dich verleiten will, spuck aus und hör nicht hin ... Du bist stärker und besser! Wir müssen dir nacheifern!"
"Unsere gnädigen Herrschaften!" sagte würdevoll der Kutscher Antip und blinzelte mit den Augen. "Merkt er denn das? Begreift er überhaupt die Güte seines Herrn? Bis zur Erde solltest du Tropf dich verneigen und die Hand küssen ... Sie, unsere Wohltäter! Einem so bösen Menschen wie Filka versprechen Sie auch noch was, wenn aber der Mensch nüchtern ist und kein Spitzbube, für so einen ist das kein Leben, sondern ein Paradies ... gebe es Gott einem jeden von uns . .. Und Sie belohnen und Sie strafen."
"Bravo! Das Leben selbst hat gesprochen! Ein Patriarch der Wälder! Verstehst du, Magister? Und Sie belohnen und Sie strafen ... In diesen einfachen Worten liegt die Idee der Gerechtigkeit. Ich verneige mich, Bruder! Glaubst du das? Ich lerne von ihnen! Ich lerne!"
"Das stimmt..." bemerkte Antip.
"Was stimmt?"
"Was das Lernen angeht..."
"Was für Lernen? Was faselst du da?"
"Ich meine, was Ihre Worte angeht.. . das Lernen angeht... Dafür sind Sie die Herren, dass Sie jede Lehre begreifen .. . Wir leben in der Finsternis! Wir sehen zwar, dass ein Schild beschrieben ist, aber was da steht, welchen Sinn das hat, das kapieren wir nicht. .. Mit der Nase verstehen wir mehr ... Wenn es nach Vodka riecht, so bedeutet das eine Kneipe, wenn nach Teer, so ist da ein Laden ..."
"Na, Magister? Was sagst du nun? Wie ist das Volk? Jedes Wort hat zwar einen Schnörkel, jeder Satz ist aber eine tiefe Wahrheit! Ein Hort der Wahrheit, Bruder, ist Antips Kopf! Und guck dir mal die Dunjaška an! Dunjaška, komm mal her!"
Die Viehmagd Dunjaška, ein Mädchen mit Sommersprossen und einer Stupsnase, schämte sich und kratzte mit dem Fingernagel auf dem Tisch.
"Dunjaška, man sagt zu dir: komm her! Warum schämst du dich, dumme Gans? Wir beißen nicht!"
Dunjaška kam hinter dem Tisch hervor und blieb vor dem Herrn stehen.
"Wie ist sie? Wie sie vor Kraft strotzt! Hast du so was bei dir in Petersburg gesehen? Bei euch sind sie wie die Streichhölzer, nur Haut und Knochen, aber die hier, steh mal, die ist wie Milch und Blut! Diese Schlichtheit, diese Breite! Schau dir das Lächeln an, die roten Wangen! Das ist Natur, Wahrheit, Wirklichkeit, nicht so wie bei euch! Was hast du dir da in die Backen gestopft?"
Dunjaška kaute und schluckte etwas...
"Und schau mal, lieber Bruder, die breiten Schultern, die großen Füße!" fuhr Vosmerkin fort. "Wenn sie ihrem Liebsten mit der Faust über den Rücken fährt, dann dröhnt es wie aus einem Fass . .. Was ist, treibst du dich immer noch mit dem Andrjuška herum? Sieh dich vor, Andrjuška, ich werde dir Pfeffer geben. Lach nur, lach ... Was, Magister? Formen sind das, Formen ..."
Vosmerkin beugte sich zu dem Ohr des Magisters und flüsterte etwas... Das Gesinde begann zu lachen.
"So weit hast du es gebracht, man lacht dich schon aus, du liederliches Frauenzimmer ..." bemerkte Antip und schaute Dunjaška vorwurfsvoll an. "Was, du bist rot wie ein Krebs geworden? Über ein anständiges Mädchen würde man so etwas nicht erzählen..."
"Jetzt, Magister, schau dir die Ljubka an", fuhr Vosmerkin fort. "Sie ist bei uns die Vorsängerin ... Du fährst da bei deinen Esten herum und sammelst die Früchte der Volkskunst... Nein, unsere sollst du hören! Wenn dir unsere Leute was vorsingen, läuft dir das Wasser im Munde zusammen! Na los, Kinder! Los! Fang an, Ljubka! Na aber, ihr Schweine! Gehorchen!"
Ljubka hüstelte verlegen in die Faust und begann mit schriller, krächzender Stimme ein Lied zu singen. Die übrigen sangen den Kehrreim mit... Vosmerkin schwenkte die Arme, zwinkerte mit den Augen und gackerte; er bemühte sich, auf dem Gesicht des Magisters Zeichen der Begeisterung zu lesen.
Der Magister machte ein finsteres Gesicht, presste die Lippen zusammen und hörte mit der Miene eines profunden Kenners zu.
"Tja ...", sagte er. "Eine Variante dieses Liedes gibt es bei Kireevskij, siebente Auflage, Abschnitt drei, Lied elf ... Tja ... Muß ich mir aufschreiben..."
Der Magister zog ein Büchlein aus der Tasche und machte sich, noch finsterer dreinschauend, ein paar Notizen ... Nachdem sie das Lied gesungen hatten, begannen die "Leute" ein zweites ... Die Suppe war inzwischen kalt geworden, und der Grützebrei, den sie aus dem Ofen genommen hatten, dampfte nun nicht mehr.
"So ist's recht!" sagte Vosmerkin und stampfte mit den Füßen den Takt. "So ist's recht! Prächtig! Meine Anerkennung!"
Die Sache wäre wahrscheinlich noch bis zum Tanzen gediehen, wäre nicht der Diener Petr in die Gesindestube gekommen und hätte den Herrschaften gemeldet, das Essen sei aufgetragen.
"Und wir Abtrünnigen, wir Ausgestoßenen wagen es noch, uns für höher und besser zu halten!" entrüstete sich Vosmerkin mit weinerlicher Stimme, als er mit seinem Bruder die Gesindestube verließ. "Was sind wir denn? Wer sind wir? Wir kennen keine Ideale, keine Wissenschaft, keine Arbeit ... Hörst du, wie sie lachen? Das gilt uns! Und sie haben recht! Sie spüren die Heuchelei! Tausendmal recht haben sie und... und... Und hast du Dunjaska gesehen? Ein Schlingel von einem Mädchen! Warte, nachher, nach dem Essen, rufe ich sie..."
Beim Mittagessen sprachen die beiden Brüder die ganze Zeit von Eigenständigkeit, Unberührtheit und Unversehrtheit, schmähten sich selbst und suchten nach dem Sinn des Wortes "Intellektueller".
Nach dem Essen legten sie sich hin. Als sie ausgeschlafen hatten, gingen sie auf die Veranda, ließen sich Selterswasser servieren und begannen wieder von den gleichen Dingen zu sprechen...
"Petka!" rief Vosmerkin den Diener. "Geh mal und ruf Dunjaška, Ljubka und die anderen her! Sag, sie sollen einen Reigen aufführen! Und ein bisschen schnell! Es muss fix gehen bei mir!"
Anmerkungen
Schwätzer (Svistuny). Oskolki, 24. August 1885; Untertitel: "Erzählung"; A. Čechonte.
Vosmerkin - russ. "vosem'": acht; "vosmerka": die Acht.
Du bist ein Westler - in der russischen Geistesgeschichte des XIX. Jahrhunderts Terminus technicus für die Vertreter einer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Öffnung Rußlands nach Westen, Vertreter liberaler Reformen nach westlichem Vorbild, im Gegensatz zu den konservativen "Slavophilen", die auf einer eigenständig russischen Entwicklung beharrten und deren Ideologie später zum Panslavismus degenerierte. Prominente Westler: Belinskij, Herzen, Ogarev, Petraševskij, Bakunin.
Kireevskij - Petr Vasiljevic, 1808-1856, russischer Folklorist, Sammler russischer Volkslieder; Slavophiler wie sein Bruder Ivan Kireevskij, der als Hauptvertreter des religiös ausgerichteten Slavo-philentums gilt.
|