Originaltext
DAS GLÜCK DER FRAUEN

Der Generalleutnant Zapupyrin sollte beerdigt werden. Zu dem Hause des Verstorbenen, wo dumpf die Trauermusik ertönte und die Kommandos erschallten, strömten von allen Seiten scharenweise Menschen, die sich das Leichenbegängnis ansehen wollten. In einer der Gruppen, die dorthin eilten, befanden sich die Beamten Probkin und Svistkov. Beide waren in Begleitung ihrer Frauen.
"Nicht weitergehen!" rief der Gehilfe des Polizeichefs, der ein gutmütiges, sympathisches Gesicht hatte, und hielt sie zurück, als sie bei der Kette anlangten. "Nicht weitergehen! Treten Sie bitte etwas zurück! Meine Herrschaften, das liegt doch nicht an uns! Bitte treten Sie zurück! Allerdings - die Damen können meinetwegen passieren . . . bitte sehr, Mesdames, aber Sie, meine Herren, leider Gottes..."
Die Frauen von Probkin und Svistkov erröteten bei der unerwarteten Liebenswürdigkeit des Polizeigehilfen und schlüpften durch die Kette, ihre Männer aber blieben diesseits der lebenden Mauer und beschäftigten sich damit, die Ordnungshüter, die zu Fuß und zu Pferde waren, von hinten zu betrachten.
"Sie sind durchgekrochen", sagte Probkin neidisch, ja beinahe mit Hass, während er den sich entfernenden Damen nachblickte. "Ein Glück haben diese Chignons, weiß Gott! Das männliche Geschlecht wird niemals solche Privilegien erhalten wie das weibliche. Was ist denn an ihnen so Besonderes? Es sind doch, kann man wohl sagen, ganz gewöhnliche Frauen voller Vorurteile, aber man hat sie durchgelassen. Doch uns beide würde man um nichts auf der Welt durchlassen, und wenn wir Staatsräte wären."
"Sie urteilen aber merkwürdig, meine Herren", meinte der Polizeigehilfe und schaute Probkin vorwurfsvoll an. "Lässt man Sie durch, so werden Sie gleich drängeln und sich unanständig benehmen; eine Dame dagegen wird sich mit ihrem Zartgefühl niemals so etwas erlauben."
"Lassen Sie das bitte!" erwiderte Probkin ärgerlich. "Eine Dame drängelt immer als erste in der Menge! Der Mann steht da und schaut auf einen Punkt, die Dame aber hebt die Ellbogen und drängelt, damit man ihre Kleidung nicht zerdrückt. Reden wir nicht mehr davon! Dem weiblichen Geschlecht ist Fortuna in allem hold. Man steckt die Frauen nicht zu den Soldaten, die Tanzabende können sie kostenlos besuchen, und von der Prügelstrafe sind sie befreit .. . Aber es fragt sich, für welche Verdienste? Ein junges Mädchen lässt das Taschentuch fallen - du musst es aufheben, kommt sie - musst du aufstehen und ihr deinen Stuhl anbieten, geht sie weg - hast du sie zu begleiten... Und nehmen Sie die Rangstufen! Um beispielsweise den Rang eines Staatsrats zu erreichen, musst du oder ich das ganze Leben schuften, ein junges Mädchen aber lässt sich in einer halben Stunde mit einem Staatsrat trauen - und schon ist sie jemand. Um ein Fürst oder Graf zu werden, muss ich die ganze Welt erobern, den Šipka-Paß einnehmen, eine Zeitlang Minister sein, aber irgendeine, Gott verzeih mir, Varenka oder Katinka, die noch nicht trocken hinter den Ohren ist, braucht nur vor einem Grafen mit der Schleppe zu wedeln und mit den Äuglein zu zwinkern - und schon ist sie Ihre Durchlaucht . . . Du bist jetzt Gouvernementssekretär . . . Dieser Rang hat dich, das kann man wohl sagen, viel Schweiß gekostet; und deine Märja Fomišna?
Wofür ist die Gouvernementssekretärin? Popentochter war sie und ist Beamtenfrau geworden. Eine schöne Beamtenfrau! Gib ihr unsere Arbeit, und sie wird dir Eingangs- und Ausgangsbuch verwechseln."
"Dafür bringt sie mit Schmerzen die Kinder zur Welt", bemerkte Svistkov.
"Was ist das schon groß! Würde sie vor dem Vorgesetzten stehen, wenn der einen anhustet, würde ihr das Kinderkriegen als Vergnügen erscheinen. Allüberall haben sie Privilegien. Irgend so ein junges Mädchen oder eine Dame aus unseren Kreisen kann vor einem General mit so etwas herausplatzen, was du sogar einem Gerichtsvollzieher gegenüber nicht zu sagen wagst. Ja ... Deine Marja Fomišna kann ohne weiteres mit einem Staatsrat untergehakt gehen, aber nimm du mal den Arm eines Staatsrats! Nimm mal, versuch's mal! In unserem Haus, gerade unter uns, mein Lieber, wohnt so ein Professor mit seiner Frau ... Er ist im Generalsrang, verstehst du, hat den Annenorden erster Klasse, aber man hört dauernd, wie seine Frau ihn anplärrt:
"Dummkopf! Dummkopf! Dummkopf!" Und dabei ist sie ein einfaches Frauenzimmer, eine Kleinbürgerin. Im übrigen handelt es sich hier um eine Legitime, na meinetwegen .. . von jeher ist es so, dass die legitimen Ehefrauen schimpfen, aber nimm mal die illegitimen! Was sie sich erlauben! Mein ganzes Leben lang werde ich einen Vorfall nicht vergessen. Es wäre beinahe um mich geschehen gewesen, und ich bin wahrscheinlich nur dank den Gebeten meiner Eltern unversehrt geblieben. Erinnerst du dich, wie unser General, als er im vorigen Jahr in Urlaub ging und aufs Land fuhr, mich mitnahm, damit ich für ihn die Korrespondenz erledigte .. . Eine nichtige Sache, für eine Stunde Arbeit. Hast du deine Arbeit getan, kannst du in den Wald gehen oder in der Gesindestube Romanzen hören. Unser General ist Junggeselle. Er lebt im Überfluß, Dienstboten hat er so viel wie Hunde, aber keine Frau, niemanden, der das alles dirigiert. Die Leute sind alle undiszipliniert und ungehorsam . . . und alle werden von einem Weib kommandiert, der Wirtschafterin Vera Nikitišna. Sie schenkt Tee ein, bestellt das Mittagessen und schnauzt die Diener an. Das Weib, mein Lieber, ist böse, giftig und guckt wie ein Satan. Dick ist sie, rot und keifig...
Wenn sie jemanden anschreit und dabei zu kreischen beginnt, möchte man am liebsten davonlaufen. Ihr Geschimpfe ist nicht so unerträglich wie dieses Gekreische! Mein Gott! Keiner konnte es mit ihr aushaken. Die Bestie hat nicht nur mit den Dienstboten gestänkert, sondern auch mit mir . . . Na, denke ich, wart mal ab; ich werde mir mal einen Augenblick Zeit nehmen und dem General alles von dir erzählen. Er ist so in seine Aufgaben vertieft, denke ich, dass er nicht sieht, wie du ihn bestiehlst und die Leute quälst, wart mal, ich werde ihm die Augen öffnen. Und ich habe sie ihm geöffnet, mein Lieber, aber so, dass sich meine eigenen Augen für immer hätten schließen können; noch jetzt, wenn ich nur daran denke, wird mir angst und bange. Ich gehe eines Tages über den Korridor und höre plötzlich Gekreische. Zuerst dachte ich, da wird ein Schwein geschlachtet, dann aber lausche ich und höre, dass es Vera Nikitišna ist, die mit jemandem schimpft: "Luder! So ein Lump! Du Satan!" Wen beschimpft sie da? denke ich. Plötzlich, mein Lieber, sehe ich: die Tür geht auf, und heraus fliegt unser General, ganz rot, mit weit aufgerissenen Augen und mit Haaren, als ob der Teufel hineingeblasen hätte. Und sie hinter ihm her: "Du Lump! Du Satan!"
"Du lügst!"
"Mein Ehrenwort. Es überlief mich ganz heiß, weißt du. Unser General rannte in sein Zimmer, und ich stehe im Korridor wie ein Dummkopf und begreife nichts. Ein einfaches, ungebildetes Weibsstück, eine Köchin, ein Dreck - und erlaubt sich plötzlich solche Worte und solch ein Benehmen! Das bedeutet, denke ich, dass der General sie entlassen wollte, und sie hat die Tatsache ausgenutzt, dass keine Zeugen dabei waren, und hat ihn nach Strich und Faden ausgeschimpft. Wenn man gehen muss, ist nämlich alles gleich. Ich war empört .. . Ich gehe also zu ihr ins Zimmer und sage: "Wie konntest du es wagen, du Schlampe, einer hochgestellten Persönlichkeit solche Worte zu sagen? Du denkst wohl, weil er schwach und alt ist, tritt keiner für ihn ein?" Und weißt du, da habe ich ihr zweimal auf die fetten Backen gehauen. Da fing sie, mein Lieber, zu kreischen und zu brüllen an, dass mir Hören und Sehen verging. Ich hielt mir die Ohren zu und ging in den Wald. Nach etwa zwei Stunden kommt mir ein Junge entgegen: "Bitte zum gnädigen Herrn." Ich gehe also zu ihm. Er sitzt da, mürrisch wie ein Truthahn, und sieht mich nicht an. "Was stellen Sie", sagt er, "in meinem Hause an?" - "Was heißt das?" sage ich. "Wenn Sie", sage ich, "das mit der Nikitišna meinen, Euere - zellenz, so habe ich mich doch nur für Sie eingesetzte" - "Das ist nicht Ihre Sache", sagt er, "sich in fremde Familienangelegenheiten einzumischen!" Verstehst du? Familienangelegenheiten! Und dann, mein Lieber, putzte er mich runter und wusch mir den Kopf - ich bin fast gestorben! Er redete und redete, brummte und brummte, und plötzlich, mein Lieber, brach er mir nichts, dir nichts in Lachen aus. "Aber wie konnten Sie nur?" sagte er. "Woher haben Sie denn den Mut genommen? Erstaunlich! Aber ich hoffe, mein Freund, das bleibt alles unter uns... Ihre Heftigkeit ist mir verständlich, aber Sie werden einsehen, dass Ihr weiteres Verbleiben in meinem Haus unmöglich ist..." So ist's, mein Lieber. Für ihn ist es sogar erstaunlich, wie ich diese aufgeblasene Truthenne hauen konnte. Das Weib hat ihn betört! Er ist Geheimrat, hat den Weißen Adlerorden, kennt keinen Vorgesetzten über sich, aber einem Weib hat er nachgegeben.., Grooße Privilegien, mein Lieber, hat das weibliche Geschlecht! Aber... nimm die Mütze ab! Man bringt den General... Wieviel Orden, du meine Güte! Nun, weiß Gott, warum hat man die Damen nach vorn gelassen, verstehen die vielleicht was von Orden?" Die Musik begann zu spielen.



Anmerkungen
Das Glück der Frauen (Ženskoe sčast'e). Oskolki, 14. September 1885; A. Čechonte.
Zapupyrin - russ. "zapupyrit": "einschlagen" (Nägel); refl. "mit Hitzebläschen bedeckt sein".
Probkin - russ. "probka"; der Korken, Propfen.
Svistkov - russ. "svist": der Pfiff; "svistun": der Schwätzer. Chignon - franz. Haarknoten; Modefrisur in der 2. Hälfte des XIX. Jahrhunderts.
Mesdames - im russischen Original französisch.
Šipka-Paß - wichtiger Paß im Balkangebirge, heute Bulgarien (zwischen Grabovo und Kasanlik, 1333 m); im Russisch-Türkischen Krieg (1877/78) versuchten die Türken vergeblich, den von den Russen besetzten Paß zurückzuerobern.
Annenorden - hoher russischer Orden, seit 1835 in fünf Klassen "für alle Stände"; Ritter der Ersten Klasse konnten nur Generalmajore und, im Zivilbereich, Wirkliche Staatsräte werden, also von der 4. Rangklasse aufwärts.
Weißer Adler - russischer Orden polnischen Ursprungs, 1831 in die russischen Orden eingereiht; Devise: "Pro fide, rege et lege", gehörte zu den höchsten Auszeichnungen des zaristischen Russland.