Originaltext
DIE KÖCHIN HEIRATET

Griša, ein kleiner, siebenjähriger Knirps, stand an der Küchentür, lauschte und spähte durch das Schlüsselloch. In der Küche geschah nach seiner Meinung etwas Außergewöhnliches, bislang nicht Erlebtes. Am Küchentisch, auf dem gewöhnlich Fleisch gehackt und Zwiebeln geschnitten wurden, saß ein großer, stämmiger Mann in Kutscherkleidung; er war rothaarig und bärtig und hatte einen großen Schweißtropfen auf der Nase. Er balancierte auf den fünf Fingern der rechten Hand eine Untertasse und trank Tee, wobei er so laut den Zucker zerbiss, dass es Griša kalt über den Rücken lief. Ihm gegenüber saß auf einem schmutzigen Schemel die alte Kinderfrau Aksinja Stepanovna, sie trank ebenfalls Tee. Das Gesicht der Kinderfrau war ernst, zugleich aber strahlte es irgendwie feierlich. Die Köchin Pelageja wirtschaftete am Ofen herum, offenbar bemüht, ihr Gesicht abzuwenden. Und auf ihrem Gesicht bemerkte Griša eine ganze Illumination: es glühte und schillerte in allen Farben, von flammender Röte bis zur Totenblässe. Sie griff unaufhörlich mit zitternden Händen nach Messern, Gabeln und Lappen, lief hin und her, knurrte und klopfte, in Wirklichkeit aber tat sie gar nichts. Zu dem Tisch, an dem man Tee trank, sah sie kein einziges Mal hin, und auf die von der Kinderfrau gestellten Fragen antwortete sie kurz angebunden, streng und ohne sie anzusehen.
"Essen Sie, Danilo Semenyč", forderte die Kinderfrau den Kutscher auf. "Aber warum denn immer Tee und nur Tee? Trinken Sie doch mal ein Schnäpschen!"
Und die Kinderfrau schob dem Gast eine Flasche Vodka und ein Schnapsgläschen hin, wobei ihr Gesicht einen ganz boshaften Ausdruck annahm.
"Hab es mir nicht angewöhnt... nein..." Der Kutscher weigerte sich. "Nötigen Sie mich nicht, Aksinja Stepanovna."
"Was sind Sie bloß für einer... Ein Droschkenkutscher, der nicht trinkt . . . Für einen ledigen Mann ist es unmöglich, dass er nicht trinkt. Trinken Sie!"
Der Kutscher schielte erst auf den Vodka, dann auf das boshafte Gesicht der Kinderfrau, und sein eigenes Gesicht nahm einen nicht weniger boshaften Ausdruck an: nein, hieß das, mich fängst du nicht, alte Hexe.
"Ich trinke nicht, verschonen Sie mich damit ... In unserem Beruf taugt solche Kleinmütigkeit nicht. Ein Handwerker kann trinken, denn er sitzt auf ein und demselben Fleck, unsereiner aber steht immer in der Öffentlichkeit. Ist's nicht so? Man geht in die Kneipe, und inzwischen ist das Pferd weg; wenn man sich betrinkt, ist's noch schlimmer: da kann man jeden Augenblick einschlafen oder vom Bock stürzen. So ist die Sache."
"Und wieviel verdienen Sie am Tag, Danilo Semenyč?"
"Kommt auf den Tag an. An manch einem Tag verdient man einen grünen Schein, und ein andermal kommt man ohne einen Groschen nach Hause. Die Tage fallen verschieden aus. Heute ist unsere Arbeit überhaupt nichts mehr wert. Sie wissen selbst, Droschkenkutscher gibt es wie Sand am Meer, das Heu ist teuer, und vom Fahrgast gar nicht zu reden, ist immer drauf aus, mit der Pferdebahn zu fahren. Und doch kann man, Gott sei's gedankt, nicht klagen. Man ist satt und bekleidet und . . . kann auch einen anderen glücklich machen" - der Kutscher schielte zu Pelageja hinüber -, "wenn es einem danach ums Herz ist."
Was weiter gesprochen wurde, hörte Griša nicht. Mama kam zur Tür und schickte ihn ins Kinderzimmer zum Lernen.
"Geh und lerne. Das gehört sich nicht, hier zu lauschen!"
Als Griša in das Kinderzimmer kam, legte er das Lesebuch vor sich auf den Tisch, aber es war ihm nicht nach Lesen zumute. Was er soeben gehört und gesehen hatte, weckte in seinem Kopf eine Menge von Fragen.
Die Köchin heiratet .. . dachte er. Sonderbar. Ich verstehe nicht, weshalb man heiraten soll? Mama hat den Papa geheiratet, die Kusine Veročka den Pavel Andreič. Aber Papa und Pavel Andreič kann man meinetwegen heiraten: sie haben goldene Uhrketten, schöne Anzüge, und ihre Schuhe sind immer geputzt; aber diesen fürchterlichen Kutscher mit der roten Nase und den Filzstiefeln heiraten .. . pfui! Und warum will die Kinderfrau, dass die arme Pelageja heiraten soll?
Als der Gast die Küche verlassen hatte, kam Pelageja in die Zimmer und machte sich ans Aufräumen. Die Aufregung hatte sich bei ihr noch nicht gelegt. Ihr Gesicht war rot und geradezu erschreckt. Sie berührte den Fußboden kaum mit dem Besen und fegte jede Ecke fünfmal. Lange blieb sie in dem Zimmer, in dem Mama saß. Augenscheinlich bedrückte sie das Alleinsein, und sie wollte sich aussprechen, jemandem ihre Eindrücke mitteilen, ihr Herz ausschütten.
"Er ist fort", brummte sie, als sie sah, dass Mama kein Gespräch begann.
"Aber er ist, das merkt man, ein guter Mensch", sagte Mama, ohne ihre Augen von der Strickerei zu heben. "So nüchtern und gesetzt."
"Bei Gott, gnädige Frau, ich heirate nicht!" schrie Pelageja plötzlich auf und wurde ganz rot. "Bei Gott, ich heirate nicht!"
"Sei nicht albern, du bist doch kein Kind mehr. Das ist ein ernster Schritt, man muss ihn gut überlegen, aber nicht so dummes Zeug schreien. Gefällt er dir?"
"Was denken Sie, gnädige Frau!" sagte Pelageja verschämt. "Sie sagen so was, dass... bei Gott."
Hätte sie doch gesagt: er gefällt mir nicht! dachte Griša.
"Was zierst du dich eigentlich so ... Gefällt er dir?"
"Aber, gnädige Frau, er ist zu alt! Uh!"
"Quatsch kein dummes Zeug!" fauchte die Kinderfrau aus dem anderen Zimmer Pelageja an. "Er ist noch keine vierzig. Was brauchst du einen jungen Burschen? Auf das Gesicht kommt es doch nicht an, dumme Gans . . . Heirate, und damit basta!"
"Bei Gott, ich heirate nicht!" kreischte Pelageja.
"Sei nicht so störrisch! Was für einen Waldteufel brauchst du denn noch! Eine andere würde sich alle zehn Finger lecken, und du - ich heirate nicht. Möchtest bloß immer mit den Briefträgern und Nachhilfelehrern liebäugeln! Zu Grišenka kommt doch, gnädige Frau, der Nachhilfelehrer, da hat sie sich die Augen aus dem Kopf geguckt. O du Schamlose!"
"Hast du diesen Danilo schon früher gesehen?" fragte die gnädige Frau Pelageja.
"Wo hätte ich ihn sehen sollen? Ich habe ihn heute zum erstenmal gesehen. Aksinja hat ihn von irgendwoher mitgebracht.. . den verfluchten Teufel... Und was drängt er sich mir denn auf?"
Während des Mittagessens, als Pelageja die Speisen servierte, schauten alle, die mitaßen, ihr ins Gesicht und neckten sie mit dem Kutscher. Sie wurde furchtbar rot und kicherte gezwungen.
Wahrscheinlich ist es peinlich zu heiraten... - dachte Griša. Furchtbar peinlich!
Alle Speisen waren versalzen, aus dem nicht durchgebratenen Hähnchen tropfte Blut, und zu guter Letzt rutschten Pelageja während des Essens Teller und Messer aus der Hand wie von einem schiefen Wandbrett, aber niemand machte ihr einen Vorwurf, weil alle ihren Gemütszustand begriffen. Nur einmal warf Papa im Zorn die Serviette auf den Tisch und sagte zu Mama: "Was hast du nur für ein Vergnügen daran, alle zu verheiraten! Was geht das dich an? Laß sie doch heiraten, wie sie wollen."
Nach dem Mittagessen tauchten in der Küche die Köchinnen und Stubenmädchen aus der Nachbarschaft auf, und bis zum späten Abend vernahm man ihr Geflüster. Der liebe Gott allein weiß, wie sie von der Brautwerbung Wind bekommen hatten. Als Griša um Mitternacht erwachte, hörte er, wie im Kinderzimmer hinter einem Vorhang die Kinderfrau mit der Köchin flüsterte. Die Kinderfrau redete ihr zu, und die Köchin schluchzte und kicherte abwechselnd. Nachdem Griša eingeschlafen war, träumte er von Pelagejas Entführung durch den Zauberer Cernomor und eine Hexe...
Vom anderen Tag an trat Ruhe ein. Das Küchenleben nahm wieder seinen gewohnten Lauf, als hätte es nie einen Kutscher gegeben. Hin und wieder legte die Kinderfrau ihren neuen Schal um und ging mit einem feierlich-strengen Gesichtsausdruck auf zwei Stunden irgendwohin, offenbar, um Verhandlungen zu führen . . . Pelageja traf sich mit dem Droschkenkutscher nicht, und wenn man sie an ihn erinnerte, errötete sie und rief:
"Sei er doch dreimal verflucht, wenn ich an ihn gedacht habe!"
Eines Abends, als Pelageja und die Kinderfrau eifrig mit Zuschneiden beschäftigt waren, trat meine Mama in die Küche und sagte:
"Heiraten kannst du ihn natürlich, das ist deine Sache, aber Pelageja, hier kann er nicht wohnen . . . Du weißt, ich habe es nicht gern, wenn jemand in der Küche sitzt. Pass also auf, denke daran . . . Und dich werde ich nachts nicht fortlassen."
"Gott weiß, was Sie sich da ausdenken, gnädige Frau!" schluchzte die Köchin auf. "Warum halten Sie mir ihn immer unter die Nase? Soll er toll werden! Das fehlte noch, daß er sich mir aufdrängt, soll er doch..."
Als Griša an einem Sonntagmorgen einen Blick in die Küche warf, erstarrte er vor Staunen. Die Küche war voller Menschen. Da waren die Köchinnen vom ganzen Hof, der Hauswart, zwei Polizisten, ein Unteroffizier mit Tressen und der junge Filka ... Dieser Filka trieb sich gewöhnlich in der Nähe der Waschküche herum und spielte mit den Hunden, jetzt aber war er gekämmt und gewaschen und hielt eine in Metallfolie gerahmte Ikone. Mitten in der Küche stand Pelageja in einem neuen Kattunkleid, eine Blume auf dem Kopf. Neben ihr stand der Droschkenkutscher. Die beiden waren rot, verschwitzt und zwinkerten heftig mit den Augen.
"Nun... es ist Zeit, scheint's .. ." begann der Unteroffizier nach langem Schweigen.
Pelagejas Gesicht fing an zu zucken, und sie heulte los... Der Unteroffizier nahm ein großes Brot vom Tisch, stellte sich neben die Kinderfrau und begann das Paar zu segnen. Der Kutscher trat zu dem Unteroffizier, machte vor ihm eine tiefe Verbeugung und küsste schmatzend seine Hand. Dasselbe machte er auch vor Aksinja. Pelageja folgte ihm mechanisch und verbeugte sich ebenfalls. Schließlich öffnete sich die Außentür, in die Küche wallte weißer Nebel, und die ganze Gesellschaft begab sich lärmend aus der Küche in den Hof.
Die Arme, die Arme, dachte Griša, als er das Schluchzen der Köchin hörte. Wohin hat man sie geführt? Warum setzen sich Papa und Mama nicht für sie ein?
Nach der Trauung wurde bis zum späten Abend in der Waschküche gesungen und Harmonika gespielt. Mama ärgerte sich die ganze Zeit über, weil die Kinderfrau nach Schnaps roch und weil wegen dieser Hochzeit niemand da war, der den Samovar aufstellte. Als Griša zu Bett ging, war Pelageja noch nicht zurückgekehrt.
Die Arme, sie weint jetzt irgendwo im Finstern, dachte er. Und der Kutscher macht: Pst, pst!
Am anderen Tag war die Köchin schon morgens wieder in der Küche. Für einen Augenblick kam der Droschkenkutscher. Er bedankte sich bei Mama, schaute Pelageja streng an und sagte:
"Gnädige Frau, achten Sie auf sie. Seien Sie zu ihr wie Vater und Mutter. Und auch Sie, Aksinja Stepanovna, lassen Sie sie nicht unbeobachtet, passen Sie auf, dass alles anständig zugeht, ohne Übermut . .. Und dann, gnädige Frau, geben Sie mir bitte fünf Rubelchen auf Rechnung von ihrem Gehalt. Ich muß ein neues Kumt kaufen."
Das war wieder eine Aufgabe für Griša: Pelageja lebte frei, wie sie wollte, ohne jemandem Rechenschaft abzulegen, und plötzlich, mir nichts, dir nichts, erschien ein Fremder und erhielt das Recht, auf ihr Betragen zu achten und über ihr Eigentum zu verfügen. Griša wurde traurig. Dem Weinen nahe, empfand er den leidenschaftlichen Wunsch, dieses scheinbare Opfer menschlicher Willkür, als das sie ihm erschien, zu liebkosen. Nachdem er in der Vorratskammer den größten Apfel ausgesucht hatte, schlich er in die Küche, drückte ihn Pelageja in die Hand und lief Hals über Kopf davon.



Anmerkungen
Die Köchin heiratet (Kucharka ženitsja). Peterburgskaja gazeta, 16. September 1885; "Erzählung"; A. Čechonte