Originaltext
NACH DER BENEFIZVORSTELLUNG
Eine kleine Episode
Der Tragöde Unylov und der Heldenvater Tigrov saßen in Zimmer siebenunddreißig des Hotels "Venezia" und ernteten die Früchte einer Benefizvorstellung. Vor ihnen auf dem Tisch standen Vodka, schlechter Rotwein, eine halbe Flasche Kognak und Sardinen. Tigrov, ein beleibter Mann mit einem Gesicht voller Pickel, blickte versonnen auf eine Karaffe und schwieg mürrisch. Unylov dagegen glühte. Mit einem Päckchen Banknoten in der einen Hand und einem Bleistift in der anderen rutschte er unruhig auf seinem Stuhl hin und her, während er sein Herz ausschüttete.
"Was mich tröstet und ermuntert, Maksim", sagte er, "das ist die Tatsache, dass mich die Jugend liebt. Gymnasiasten und Realschüler - das ist zwar grünes Gemüse, von der Erde aus gar nicht zu sehen, aber lache nicht, mein Lieber! Sie sitzen auf der Galerie, die Bestien, wo sich die Füchse gute Nacht sagen, für dreißig Kopeken, aber man hört nur sie, diese Knirpse. Die ersten Kritiker und Kunstkenner! Mancher ist nicht größer als ein Spatz, reicht kaum bis an die Tischkante, aber wenn du seine Schnauze siehst - wie ein Dobroljubov. Wie sie gestern geschrien haben! U-ny-lov! U-ny-lov!! Das hatte ich überhaupt nicht erwartet, mein Lieber. Sechzehnmal haben sie mich herausgerufen! Und die Einnahme ist nicht übel: hundertdreiundzwanzig Rubel und dreißig Kopeken! Trinken wir!"
"Vasečka, du musst mir nämlich . . ." murmelte Tigrov und blinzelte verwirrt, "heute zwanzig Taler verehren. Ich muss nach Elec fahren. Dort ist mein Onkel gestorben. Vielleicht hat er etwas hinterlassen. Wenn du mir nichts gibst, muß ich auf Schusters Rappen hinreiten. Gibst du's mir?"
"Hm ... Aber du gibst es doch nicht zurück, Maksim!"
"Nein, Vasečka .. ." Der Heldenvater seufzte. "Wo soll ich es hernehmen? Du musst schon so ... aus Freundschaft."
"Warte mal, kann sein, das reicht nicht mal für mich! Ich habe Einkäufe zu machen und muss etwas bestellen. Komm, rechnen wir."
Unylov zog das Papier, in dem der Kognak eingewickelt war, zu sich heran und schrieb mit dem Bleistift darauf.
"Für dich zwanzig, meiner Schwester muss ich fünfundzwanzig schicken. Die arme Frau bittet mich schon seit drei Jahren, ihr etwas zu schicken. Ich werde das unbedingt tun! Sie ist eine so liebe... gute Frau. Dann lasse ich mir einen neuen Anzug nähen, macht etwa dreißig Rubel. Mit der Bezahlung des Zimmers und des Mittagessens warte ich noch, das hat noch Zeit. Drei Pfund Tabak . .. Halbschuhe .. . Was noch? Meinen Frack muss ich einlösen . .. und die Uhr. Dir kaufe ich eine neue Mütze, in der da siehst du ja wie ein Teufel aus. Man schämt sich, mit dir auf die Straße zu gehen. Wart, was noch?"
"Kaufe einen Revolver für die "Irrlichter^ Vasečka. Unserer schießt nicht."
"Ja, du hast recht. Der Direktor, dieser Schuft, kauft bestimmt keinen. Von Requisiten will er nichts wissen, dieser Antichrist. Nun, also sechs, sieben Rubel für den Revolver. Was noch?"
"Geh mal ins Bad und wasch dich mit Seife."
"Bad, Seife und dergleichen - ein Rubel."
"Hier läuft ein Tatar herum, Vasečka, der hat einen ausgestopften Fuchs zu verkaufen. Den solltest du dir zulegen!"
"Was soll ich denn mit einem Fuchs?"
"Nur so. Auf den Tisch stellen. Wenn du morgens aufwachst,
guckst du, und auf deinem Tisch steht ein Tier, und .. . dann wird dir froh ums Herz!"
"Das ist Luxus! Lieber kaufe ich mir ein neues Zigarrenetui. Überhaupt, weißt du, wäre es ganz gut, meine Garderobe aufzufrischen. Ich müsste mir Hemden mit Stehkragen kaufen. Stehkragen sind jetzt modern. Ach ja! Beinahe hätte ich's vergessen. Eine Pikeeweste!"
"Unbedingt. In den Stücken von Krylov kann man nicht ohne Pikeeweste auftreten. Halbschuhe mit Knöpfchen ... ein Spazierstöckchen. Wirst du die Waschfrau bezahlen?"
"Nein, damit warte ich noch. Ich brauche Handschuhe, weiße, schwarze und farbige. Was noch? Natron und Borsäure. Rizinusöl, dreimal.. . Briefpapier, Umschläge. Was noch?"
Unylov und Tigrov richteten den Blick auf die Zimmerdecke, runzelten die Stirn und dachten nach.
"Insektenpulver!" fiel Unylov ein. "Mit diesen Wanzen ist es ja nicht auszuhalten! Was noch? Ein Mantel, du meine Güte! Die Hauptsache haben wir vergessen, Maksim! Wie soll ich den Winter ohne Mantel überstehen? Ich schreibe vierzig auf... Aber . .. das reicht nicht mal für mich! Pfeif auf deinen Onkel, Maksim!"
"Das kann ich nicht. Er ist mein einziger Angehöriger und auf einmal soll ich auf ihn pfeifen! Wahrscheinlich hat er mir was hinterlassen."
"Was wird's schon sein? Eine Meerschaumpfeife oder ein Bild der Tante? Weiß Gott, pfeif drauf!"
"Ich begreife nicht, wie man so ego . .. egoi. .. egoistisch sein kann, Vasečka?" sagte Tigrov und blinzelte wieder. "Wenn ich Geld hätte, denkst du, mir würde es darum leid tun? Hundert ... dreihundert ... tausend .. . nimm, soviel du willst! Meine Eltern hatten mir zehntausend hinterlassen. Alles habe ich an Schauspieler verteilt!"
"Schön, schön, nimm deine zwanzig!"
"Merci. Meine Taschen sind ganz zerrissen, ich kann sie nirgends reinstecken. Aber inzwischen geht es schon auf sechs. Es wird Zeit, zum Bahnhof zu gehen."
Tigrov erhob sich schwerfällig und zwängte seinen kugelrunden Körper in einen kleinen Mantel mit schmalen Schultern.
"Vasečka, erzähl unseren Leuten nicht, dass ich weggefahren bin", sagte er. "Unser Halunke macht bloß Wind, wenn er erfährt, dass ich weggefahren bin, ohne etwas zu sagen. Sollen sie ruhig denken, ich sei betrunken. Du könntest mich zum Bahnhof begleiten, Vasečka, sonst gerate ich unterwegs plötzlich in eine Kneipe und verjuble alle deine Taler. Du kennst doch meine Schwäche! Begleite mich, mein Lieber!"
"Na schön."
Die Schauspieler zogen sich an und gingen auf die Straße.
"Vielleicht sollte man so etwas kaufen?" murmelte Unylov, als er unterwegs in die Schaufenster der Läden blickte. "Guck mal, Maksim, was für ein wundervoller Schinken! Hätten wir eine volle Kasse gehabt, straf mich Gott, ich würde ihn kaufen. Aber weißt du, warum wir keine volle Kasse gehabt haben? Weil beim Kaufmann Čudakov Hochzeit war. Alle Plutokraten waren dort. Wie können diese Teufel bloß zu so unpassender Zeit heiraten! Guck dir mal den Zylinder da im Fenster an! Soll ich ihn nicht kaufen? Doch zum Kuckuck damit!"
Auf dem Bahnhof angelangt, setzten sich die beiden Freunde in den Wartesaal erster Klasse und rauchten Zigarren.
"Hops der Teufel", meinte Unylov und legte sein Gesicht in Falten, "ich würde gern etwas trinken. Komm, lass uns ein Bier trinken. Obäär, ein Bier. Es hat noch nicht das erstemal geläutet, du brauchst dich also nicht zu beeilen. Bleib aber nicht so lange weg, Kleiner. Steck dir bei dem toten Onkel einbisschen was ein und komm zurück. Das ist es ... äh, Obäär! Ach, wozu Bier! Bring eine Flasche Neuilly! Wir trinken noch zum Abschied einen Rotwein . . . und dann kannst du abfahren."
Eine halbe Stunde später hatten die Schauspieler bereits die zweite Flasche geleert. Unylov stützte seinen erhitzten Kopf in die Fäuste, schaute liebevoll in Tigrovs feistes Gesicht und lallte mit schwerer Zunge:
"Das Hauptübel in unserer Welt, das ist der Dir... rek - tor... Nur dann wird ein Künstler fest auf den Beinen stehen, wenn er sich in seiner Sache an kol.. . kollektive Prinzipien halten kann."
"An Anteile."
"Ja, an Anteile. Der Wein ist scheußlich. So ist es, trinken wir noch ein Rheinweinchen!"
"Das zweite Klingelzeichen, Vasečka!"
"Pfeif drauf! Fährst mit dem Nachtzug, und jetzt werde ich dir... etwas sagen. Obäär, eine Flasche Rheinwein! Der Dir...rektor sieht im Schauspieler nur eine Sache. . . Kanonenfutter. Er ist ein Ausbeuter. Kann einen Schauspieler nicht verstehen. Nehmen wir mal dich. Bist ein Mensch ohne Talent, aber .. . bist ein nützlicher Schauspieler. Man muss dich achten. Warte, nicht küssen, das ist peinlich . . .! Weshalb habe ich dich denn gern? Weil du ein Herz hast . . . ein wahrhaftes Künstlerherz. Maksim, morgen bestelle ich dir einen Anzug! Alles für dich. Und den Fuchs auch. Komm, drück mir die Hand!"
Es verging eine Stunde. Die Schauspieler saßen immer noch da und schwatzten.
"Gebe Gott, dass ich wieder auf die Beine komme", sagte Unylov, "da wirst du was erleben .. . Dann werde ich zeigen, was die Bühne bedeutet! Du wirst bei mir zweihundert im Monat bekommen .. . Ich brauchte nur fürs erste tausend Rubel. .. würde das Sommertheater mieten .. . Was ist, wollen wir nicht was essen? Sag's ruhig . . . Willst du? Obäär, ein paar gebratene Schnepfen!"
"Schnepfen sind zur Zeit nicht da", sagte der Kellner.
"Weiß der Teufel, bei euch ist auch nie was da! In diesem Fall, du Strohkopf, bring . . . was habt ihr denn an Wild da? Bring alles! Die Halunken haben sich angewöhnt, die Kaufleute mit allerlei Dreckzeug zu füttern, da denken sie, auch ein Künstler frisst ihr Dreckzeug! Bring alles her! Auch Liköre! Willst du eine Zigarre, Maksim? Bring auch Zigarren."
Kurze Zeit darauf gesellte sich der Komiker Dudkin zu den beiden Freunden.
"Da sieht man, wo gezecht wird!" sagte Dudkin erstaunt.
"Fahren wir ins "Bellevue". Da sind jetzt alle von uns..."
"Zahlen!" rief Unylov.
"Sechsunddreißig Rubel zwanzig Kopeken..."
"Da nimm... stimmt so! Fahren wir, Maksim! Pfeif auf den Onkel! Soll der arme Yorick ohne Erben bleiben! Gib die zwanzig Rubel wieder her! Kannst morgen fahren!"
Im "Bellevue" bestellten die Freunde Austern und Rheinwein.
"Und morgen kaufe ich dir Stiefel", sagte Unylov und schenkte Tigrov ein. "Trink! Wer die Kunst liebt, der... Auf die Kunst!"
Nacheinander kamen die Kunst, die kollektiven Prinzipien, die Anteile, die Einmütigkeit, die Solidarität und die übrigen Schauspielerideale an die Reihe . . . Die Reise nach Elec aber, der Kauf von Tee, Tabak und Kleidung, die Einlösung der Pfänder und die Zahlungen selbst rückten in weite ... in sehr weite Ferne ... Die Rechnung im "Bellevue" verschlang die gesamte Einnahme der Benefizvorstellung.
Anmerkungen
Nach der Benefizvorstellung (Posle benefisa). Peterburgskaja gazeta, 23. September 1885; A. Čechonte.
Tigrov - vgl. "Tiger", russ. "tigr".
Dobroljubov - Nikolaj Aleksandrovic, 1836-1861, russischer Kritiker und Publizist, Vertreter der revolutionären Demokraten, Aufsätze in der Zeitschrift "Sovremennik". "Er fragt bei einem Kunstwerk nur danach, ob es treu und richtig das Leben wiedergibt, oder nicht. Wenn nicht, so geht er daran vorüber; aber wenn es das wirkliche Leben darstellte, dann schrieb er Essays über dieses Leben; und seine Essays wurden Essays über moralische, politische oder ökonomische Fragen, während das Kunstwerk nur die Unterlagen zu einer solchen Diskussion lieferte. [...] Solche Essays von solch einer Persönlichkeit geschrieben, waren genau das, was man in der Unruhe dieser Jahre brauchte, um bessere Menschen für die kommenden Kämpfe vorzubereiten. Sie waren eine Schule für die politische und moralische Erziehung". (Petr Kropotkin, "Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatun", dt. Leipzig 1906.)
"Irrlichter" - Boulevardkomödie des " Dramatikers und Schriftstellers Luka Nikolaevic Antropov, 1843-1884, Komödie in 5 Akten und angeblich sein bestes Stück, wurde im Theater der M.me Brenko in Moskau mit Erfolg gespielt.
Und die Einnahme ist nicht übel - "Einnahme" im russischen Original transkribiertes Französisch: "am pose"; "empocher": einstecken, einstreichen, in die Tasche stecken.
Elec - "Kreisstadt im Gouv. Orel mit 52.000 Einwohner, am l. Ufer der Sosna freundlich gelegen, mit Fabriken und Viehhandel. Sehenswert sind die Kathedrale mit der heil. Mutter Gottes, mit alten Heiligenbildern, das festungsartige Nonnenkloster zur Erscheinung der Hl. Jungfrau, das ehemalige Mönchskloster der Hl. Dreifaltigkeit (XII. Jahrhundert), dessen Kapellen über den Gräbern der bei der Verteidigung der Stadt gegen die Tataren 139$ Gefallenen erbaut worden sein sollen". (Baedeker, "Russland", Leipzig, 7. Aufl. 1912.)
Kaufmann Čudakov - russ. "čudak": Kauz, Sonderling.
Es hat noch nicht das erstemal geläutet - auf russischen Bahnhöfen wurde die Abfahrt des Zuges durch drei Klingelsignale annonciert; nach dem dritten fuhr der Zug ab.
Komiker Dudkin - russ. "dudka": Pfeife, Rohrpfeife, Schalmei; auch Dickwanst, Dickbauch.
"Bellevue" - ein Restaurant "Bellevue" gab es in Petersburg, außerhalb der Stadt, im Vergnügungspark auf dem Kamennyj ostrov.
Soll der arme Yorick... - Gestalt des Hofnarren in Shakespeares "Hamlet", dessen Schädel Hamlet auf dem Friedhof betrachtet.
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