Originaltext
ALLGEMEINBILDUNG
Die neuesten Ergebnisse der zahnärztlichen Wissenschaft.
"Ich habe kein Glück, was die Zähne betrifft, Osip Francyč!" sagte seufzend ein hagerer kleiner Mann, der mit einem abgetragenen Mantel und geflickten Stiefeln bekleidet war und einen wie gerupft aussehenden grauen Schnurrbart hatte. Er sprach mit seinem Kollegen, einem wohlbeleibten Deutschen, der einen neuen, teuren Mantel trug und eine Havanna rauchte. "Überhaupt kein Glück! Weiß der Kuckuck, woher das kommt! Ob das daher kommt, dass es heutzutage mehr Zahnärzte als Zähne gibt... oder ob ich kein wirkliches Talent besitze, das wissen die Götter! Fortuna ist schwer zu verstehen. Nehmen wir mal zum Beispiel Sie. Wir haben zusammen in der Kreisschule den Lehrgang absolviert, wir haben zusammen bei dem Juden Berka Svacher gearbeitet - und welcher Unterschied ist zwischen uns! Sie besitzen zwei Häuser und eine Sommervilla und fahren in einer Kutsche, aber ich bin, wie Sie sehen, ein armer Teufel. Woher kommt das wohl?"
Der Deutsche Osip Francyč hatte den Lehrgang in der Kreisstadt absolviert und war dumm wie ein Auerhahn, aber Wohlgenährtheit, Beleibtheit und Hausbesitz gaben ihm ein übertriebenes Selbstbewusstsein. Würdevoll zu sprechen, zu philosophieren und Sentenzen von sich zu geben, hielt er für sein verbrieftes Recht.
"Alles Unglück liegt bei uns selbst", antwortete er würdevoll seufzend auf die Klagen seines Kollegen. "Du bist selber schuld, Petr Iljič. Sei nicht böse, aber ich habe immer gesagt: Uns Spezialisten verdirbt der Mangel an Allgemeinbildung. Wir stecken bis über die Ohren in unserem Spezialgebiet, aber darüber hinaus interessiert uns nichts. Das ist nicht gut, mein Lieber! Ach, wie wenig gut ist das! Du denkst, weil du die Zähne ziehen gelernt hast, kannst du auch schon der Gesellschaft Nutzen bringen? Aber nein, mein Lieber, mit solch engen, einseitigen Ansichten wirst du nicht weit kommen ... in gar keinem Fall. Allgemeinbildung muss man haben!"
"Und was ist Allgemeinbildung?" fragte Petr Iljič schüchtern.
Der Deutsche blieb die Antwort schuldig und schwatzte dummes Zeug, aber als er den Wein ausgetrunken hatte, geriet er in Fahrt und erklärte seinem russischen Kollegen, was er unter "Allgemeinbildung" verstand.
Er erläuterte es nicht unmittelbar, sondern indirekt, indem er von etwas anderem sprach.
"Die Hauptsache für unsereinen ist eine anständige Einrichtung", erzählte er. "Das Publikum urteilt nur nach der Einrichtung. Wenn du eine schmutzige Treppe, enge Zimmer und erbärmliche Möbel hast, so bedeutet das, du bist arm, und wenn du arm bist, wird sich auch niemand von dir behandeln lassen. Ist es nicht so? Weshalb soll ich zu dir zur Behandlung kommen, wenn sich niemand bei dir behandeln lässt? Ich gehe lieber zu dem, der eine große Praxis hat! Schaff dir Plüschmöbel an und installiere überall elektrische Klingeln, so giltst du als erfahrener Mann und hast eine große Praxis. Sich eine elegante Wohnung und anständige Möbel zuzulegen, das ist eine Kleinigkeit. Die Möbeltischler müssen sich heutzutage nach der Decke strecken, treten nicht mehr so auf wie ehedem. Kredit bekommst du, soviel du willst, und seien es hunderttausend, besonders wenn du die Rechnung mit "Doktor Soundso" unterschreibst. Und anständig kleiden musst du dich auch. Das Publikum urteilt so: wenn du abgerissen bist und im Schmutz lebst, dann genügt für dich auch ein Rubel, wenn du aber eine goldene Brille und eine dicke Uhrkette trägst und ringsum alles Plüsch ist, dann ist es schon peinlich, dir bloß einen Rubel zu geben, es müssen fünf oder zehn sein. Ist es nicht so?"
"Das ist wahr... " pflichtete Petr Iljič bei. "Ich muss zugeben, dass ich mir anfangs auch eine Einrichtung zugelegt hatte. Ich besaß alles: Tischdecken aus Plüsch und Zeitschriften im Wartezimmer, neben dem Spiegel hing ein Bild von Beethoven, aber . . . weiß der Teufel! Geistesverwirrung kam über mich. Ich gehe in meiner luxuriösen Wohnung umher, und es ist mir aus irgendeinem Grunde peinlich! Als sei ich in eine fremde Wohnung geraten oder hätte das alles gestohlen ... ich kann es nicht! Ich kann nicht in einem Plüschsessel sitzen, und damit basta! Und da ist auch noch meine Frau . . . ein einfaches Weib, sie versteht nicht, wie man die Wohnungseinrichtung zu behandeln hat. Da stinkt das ganze Haus nach Kohlsuppe oder Gänsebraten, da putzt sie die Kronleuchter mit Ziegelmehl, da wäscht sie in Gegenwart der Kranken den Fußboden im Wartezimmer auf ... weiß der Teufel! Glauben Sie mir, als wir die ganze Einrichtung auf einer Auktion verkauft hatten, bin ich richtig aufgelebt."
"Das bedeutet, du bist ein anständiges Leben nicht gewohnt. .. Was ist denn dabei? Man muss sich eben daran gewöhnen! Außer einer Einrichtung braucht man dann noch ein Aushängeschild! Je geringer der Mensch ist, ein um so größeres Schild muss er haben. Ist es nicht so? Das Schild muss so gewaltig sein, dass es noch außerhalb der Stadt zu sehen ist. Wenn du nach Petersburg oder Moskau kommst, dann fallen dir, ehe du die Kirchenglocken erblickst, die Schilder der Zahnärzte in die Augen. Darin, mein Lieber, sind die Ärzte uns beiden weit voraus. Auf dem Schild müssen goldene und silberne Kringel gemalt sein, damit die Leute denken, du besitzt Medaillen: Sie haben gleich mehr Achtung! Außerdem ist Reklame notwendig. Verkauf deine letzte Hose, aber lass eine Anzeige drucken. Setze sie jeden Tag in alle Zeitungen. Wenn du den Eindruck hast, dass einfachere Anzeigen nicht genügen, so komm mit allerlei Hokuspokus: Lass die Anzeige auf dem Kopf stehend drucken, bestelle ein Klischee "mit Zähnen" und "ohne Zähne", bitte die Leser, dich nicht mit anderen Dentisten zu verwechseln, gib bekannt, dass du aus dem Ausland zurückgekehrt bist, dass du Arme und Studierende umsonst behandelst . . . Du musst die Anzeigen überall aushängen - auf dem Bahnhof, in den Erfrischungsräumen ... Es gibt viele Methoden!"
"Das ist wahr!" Petr Iljič seufzte.
"Viele sagen auch, es sei egal, wie man sich den Leuten gegenüber verhält.. . Nein, das ist nicht egal! Man muss verstehen, mit den Leuten umzugehen . . . Die Leute sind heutzutage, wenn auch gebildet, so doch ungeschliffen und unvernünftig. Sie wissen selbst nicht, was sie wollen, und es ist recht schwer, sich ihnen anzupassen. Du kannst ein ganz berühmter Professor sein; wenn du es aber nicht verstehst, auf ihren Charakter einzugehen, laufen sie eher zu einem Quacksalber als zu dir ... Nehmen wir mal an, da kommt eine gnädige Frau zu mir wegen ihrer Zähne. Kann man sie denn ohne Hokuspokus behandeln? Kerneswegs! Ich mache zuerst ein finsteres Gesicht wie ein Gelehrter und weise schweigend auf den Stuhl: Gelehrte, heißt es, haben keine Zeit, mit den Leuten zu sprechen. Und auch an meinem Behandlungsstuhl ist allerhand Hokuspokus: er hat Schrauben! Wenn du an diesen Schrauben drehst, fährt die Gnädige rauf und runter. Dann stocherst du in dem kranken Zahn herum. Mit dem Zahn ist nichts mehr los, man muss ihn ziehen und weiter nichts, aber du musst lange stochern, mit Unterbrechungen ... du musst ihr an die zehnmal den Spiegel in den Mund stecken, denn die Damen haben es gern, wenn man sich lange mit ihren Krankheiten beschäftigt. Die Gnädige kreischt, und du sagst zu ihr: "Gnädige Frau! Es ist meine Pflicht, Ihre schrecklichen Leiden zu lindern, deshalb bitte ich Sie, vertrauen Sie mir", und das, weißt du, erhaben, mit tragischer Geste ... Auf dem Tisch vor der Dame liegen Kinnbacken, Schädel, allerlei Knochen, alle möglichen Instrumente, daneben stehen Gläser mit aufgeklebten Totenköpfen - alles ist furchterregend und geheimnisvoll. Ich selbst trage einen schwarzen Kittel wie ein Inquisitor. Gleich neben dem Behandlungsstuhl steht eine Lachgasmaschine. Diese Maschine benutze ich "war niemals, aber trotzdem macht es einen schreckenerregenden Eindruck! Den Zahn ziehe ich mit einer gewaltig großen Zange. Überhaupt - je größer und schrecklicher die Instrumente, desto besser. Ziehen tue ich schnell, ohne Zaudern."
"Auch ich ziehe nicht schlecht, Osip Francyč, aber weiß der Teufel! Ich bin gerade dabei, eine Traktion zu machen, und will den Zahn ziehen, da kommt mir auf einmal der Gedanke: Was, wenn ich ihn nicht rauskriege oder wenn er abbricht? Bei diesem Gedanken zittert mir die Hand. Und das regelmäßig!" "Der Zahn mag abbrechen, das ist nicht deine Schuld." "Das mag schon sein, aber trotzdem. Es ist schlecht, wenn man kein sicheres Auftreten hat. Nichts ist schlimmer, als wenn man nicht an sich glaubt oder wenn man Zweifel hat. Da war so ein Fall. Ich setze die Zange an, ziehe . .. ziehe und merke plötzlich, dass ich schon sehr lange ziehe. Ich war vor Schreck wie gelähmt! Ich hätte loslassen und noch einmal anfangen müssen, aber ich ziehe und ziehe ... ich war verblüfft! Der Kranke sieht an meinem Gesicht, dass ich schwach werde und unsicher, da springt er auf, und vor Schmerz und Bosheit versetzt er mir eins mit dem Hocker! Ein anderes Mal kam ich ebenfalls durcheinander und zog statt des kranken Zahnes einen gesunden."
"Eine Lappalie, das passiert jedem. Zieh die gesunden Zähne, du wirst sonst nicht an die kranken kommen. Aber du hast recht, ohne sicheres Auftreten geht es nicht. Ein gebildeter Mensch muss sich auch gebildet benehmen. Die Leute begreifen doch nicht, dass wir beide nicht auf der Universität waren. Für sie sind alles Doktoren. Botkin ist Doktor, ich bin Doktor, und du bist Doktor. Deshalb musst du dich auch benehmen wie ein Doktor. Um gelehrt zu erscheinen und den anderen Sand in die Augen zu streuen, musst du eine Broschüre herausgeben: "Wie erhalte ich mir meine Zähne". Wenn du sie selbst nicht schreiben kannst, dann beauftrage einen Studenten damit. Er wird dir für zehn Rubel auch noch eine Einleitung zusammenschmieren und mit Zitaten französischer Autoren um sich werfen. Ich habe schon drei Broschüren herausgegeben. Was noch? Erfinde ein Zahnpulver. Bestelle dir Schachteln mit einem Stempel drauf, schütte hinein, was du willst, bringe eine Plombe an und schreib drauf:
"Preis zwei Rubel, vor Nachahmungen wird gewarnt!" Ersinne ein Elixier. Rühre etwas zusammen, was duftet und brennt, und fertig ist das Elixier. Setze keine runden Preise fest, sondern mach das so: Elixier Nummer eins kostet siebenundsiebzig Kopeken, Nummer zwei zweiundachtzig Kopeken und so weiter. Das ist geheimnisvoller. Verkaufe Zahnbürsten mit deinem Stempel für einen Rubel das Stück. Hast du meine Zahnbürsten gesehen?"
Petr Iljič kratzte sich nervös den Nacken und ging aufgeregt auf den Deutschen zu ...
"Sieh mal einer an!" sagte er gestikulierend. "So ist das also! Aber ich verstehe das nicht, ich kann es nicht! Nicht, weil ich das für Kurpfuscherei und Gaunerei halte, aber ich kann es nicht, das steht nicht in meiner Macht! Ich habe es hundertmal probiert, aber es ist nichts dabei herausgekommen. Sie sind satt und gut gekleidet. Sie besitzen Häuser, aber ich bekomme eins mit dem Hocker! Ja, es ist tatsächlich schlecht, so ohne Allgemeinbildung! Da haben Sie recht, Osip Francyč! Sehr schlecht ist das!"
Anmerkungen
Allgemeinbildung (Obščee obrazovanie). Peterburgskaja gazeta, 30. September 1885; A. Čechonte.
Botkin - Sergej Pavlovič Botkin, 1832-1889, bekannter russischer Mediziner, Mitbegründer der klinischen Medizin, baute deren Studium als erster auf naturwissenschaftlicher Basis auf, Professor an der Medizinische-Militärische Akademie.
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