Originaltext
UNTEROFFIZIER PRIŠIBEEV

"Unteroffizier Prišibeev! Sie werden beschuldigt, am 3. September dieses Jahres den Landpolizisten Žigin, den Dorfältesten Aljapov, den Polizeikommissar Efimov, die Zeugen Ivanov und Gavrilov und weitere sechs Bauern durch Wort und Tat beleidigt zu haben, wobei den drei erstgenannten die Beleidigung bei Ausübung ihres Dienstes zugefügt wurde. Bekennen Sie sich schuldig?"
Prišibeev, ein verrunzelter Unteroffizier mit stacheligem Gesicht, legt die Hände an die Hosennaht und antwortet mit heiserer, erstickter Stimme, Jedes Wort deutlich betonend, als kommandiere er:
"Euer Hochwohlgeboren, Herr Friedensrichter! Also, nach allen Paragraphen des Gesetzes kommt es heraus, dass man jeden Umstand wechselseitig attestieren muss. Der Schuldige bin nicht ich, sondern alle die anderen. Die ganze Sache kam wegen dem, Gott hab ihn selig, toten Leichnam. Ich gehe am 3. mit meiner Frau Anfisa ruhig und anständig spazieren und sehe - am Ufer steht ein Haufen von allerlei Volk. Mit welchem Recht hat sich hier das Volk versammelt? frage ich. Wozu? Steht es denn im Gesetz, dass das Volk in Herden rumlaufen soll? Ich rufe: Wegtreten! und fange an, die Leute auseinanderezustossen, und damit sie sich nach Hause trollen, habe ich dem Polizeikommissar befohlen, sie mit Genickschlägen wegzujagen ..."
"Erlauben Sie, Sie sind doch kein Landpolizist und kein Dorfältester - ist es denn Ihre Sache, das Volk auseinanderzutreiben?"
"Nicht seine Sache! Nicht seine Sache!" ertönen Stimmen aus allen Ecken des Verhandlungsraumes, "'s ist nicht auszuhalten mit ihm, Euer Hochwohlgeboren! Fünfzehn Jahre leiden wir schon unter ihm! Seit der Zeit, da er vom Dienst zurückgekehrt ist, möchte man auf dem Dorf davonlaufen. Er quält alle bis aufs Blut!"
"So ist es, Euer Hochwohlgeboren!" sagt der Dorfälteste, der als Zeuge auftritt. "Die ganze Dorfgemeinde beschwert sich. Es ist unmöglich, mit ihm auszukommen! Ob wir mit den Heiligenbildern rumgehen, ob eine Hochzeit ist oder, angenommen, irgendein anderer Fall, überall schreit er, lärmt und führt seine Ordnung ein. Die Kinder zieht er an den Ohren, die Weiber belauert er, damit nichts passiert, als ob er ihr Schwiegervater wäre .. . Neulich ist er durch die Bauernhäuser gegangen und hat befohlen, dass man keine Lieder singen und kein Licht anzünden soll. In keinem Gesetz steht, sagt er, dass man Lieder singen darf."
"Warten Sie, Sie können noch rechtzeitig Ihre Aussagen machen", sagt der Friedensrichter, "aber jetzt soll Prišibeev fortfahren. Fahren Sie fort, Prišibeev!"
"Zu Befehl!" antwortet der Unteroffizier mit heiserer Stimme. "Sie, Euer Hochwohlgeboren, belieben zu sagen, daš es nicht meine Sache ist, das Volk auseinanderzutreiben . .. Gut... Aber wenn Unordnung herrscht? Kann man denn erlauben, daš das Volk Unfug treibt? In welchem Gesetz steht denn geschrieben, dass man dem Volk seinen Willen lassen soll? Ich kann das nicht erlauben. Wenn ich sie nicht auseinanderjage und sie nicht im Zaum halte, wer dann? Keiner kennt die Ordnungen richtig, man kann wohl sagen, dass im ganzen Dorf, Euer Hochwohlgeboren, nur ich alleine weiß, wie man mit Leuten von einfachem Stand umgehen muss, und ich, Euer Hochwohlgeboren, verstehe alles! Ich bin kein Bauer, ich bin Unteroffizier, ehemaliger Waffenwart, ich diente in Warschau beim Stab, und nachdem ich, belieben zu wissen, verabschiedet wurde, war ich Feuerwehrmann, und danach verließ ich wegen der Schwäche meiner Krankheit die Feuerwehr und diente zwei Jahre in dem klassischen Progymnasium für Knaben als Hausmeister .. . Ich kenne alle Ordnungen. Aber der Bauer ist ein einfacher Mensch, er kapiert nichts und muss auf mich hören, weil es zu seinem Nutzen ist. Nehmen wir doch diese Sache zum Beispiel. .. Ich verjage das Volk, und am Ufer, auf dem Sand, liegt der ertrunkene Leichnam eines toten Menschen. Mit welcher Berechtigung, frage ich, liegt er dort? Ist denn das etwa in Ordnung? Was glotzt der Landpolizist? "Warum", sage ich, "meldest du Polizist das nicht der Obrigkeit?" Vielleicht ist dieser ertrunkene Verstorbene von selbst ertrunken, aber vielleicht riecht diese Sache hier auch nach Sibirien. Vielleicht ist das hier ein krimineller Totschlag... Aber der Landpolizist Žigin schenkt dem keinerlei Aufmerksamkeit und raucht nur seine Zigarette. "Was habt ihr da", sagt er, "für einen Lehrmeister? Woher habt ihr", sagt er, "denn den genommen? Als ob wir nicht ohne ihn wissen", sagt er, "wie wir uns zu verhalten haben ?" - "Also", sage ich, "weißt du es nicht, du Dummkopf, wenn du hier stehst und auf nichts achtest." - "Ich", sagt er, "habe es noch gestern dem Polizeikommissar gemeldete - "Warum", frage ich, "dem Polizeikommissar? Laut welchem Paragraphen des Gesetzbuches? Kann denn etwa in solchen Fällen, wie bei Ertrunkenen und Erhängten und anderen und dergleichen mehr, kann denn in solchen Fällen der Polizeikommissar was machen? Hier" sage ich, "ist eine kriminelle Sache, eine zivile ... Hier muss man", sage ich, "schnell eine Stafette an den Herrn Untersuchungsrichter und die Richter schik-ken. Und zuallererst musst du", sage ich, "ein Protokoll aufnehmen und es dem Friedensrichter schicken." Und er, der Landpolizist, hört zu und lacht. Und die Bauern auch. Alle haben gelacht. Euer Hochwohlgeboren. Unter Eid kann ich das aussagen. Dieser hat gelacht und der da auch, und Žigin hat gelacht. >Warum grinst ihr?" frage ich. Und der Landpolizist sagt: "Der Friedensrichter ist für solche Sachen nicht zuständig." Von diesen selben Worten wurde mir ganz heiß. Polizist, das hast du doch gesagt?" wendet sich der Unteroffizier an den Landpolizisten Žigin.
"Ja, das habe ich gesagt."
"Alle haben gehört, wie du das da vor dem ganzen gewöhnlichen Volk gesagt hast: Der Friedensrichter ist für solche Sachen nicht zuständig. Alle haben gehört, wie du das da ... Mir wurde, Euer Hochwohlgeboren, ganz heiß, und ich war wie vor den Kopf gestoßen. "Wiederhole", sage ich, "wiederhole, du Dingsda, was du gesagt hast!" Und wieder dieselben Worte ... Ich trete zu ihm. "Wie kannst du", sage ich, "so über den Herrn Friedensrichter aussagen. Du, ein Polizeibeamter, bist gegen die Staatsmacht? Was? Aber weißt du denn, dass der Herr Friedensrichter, wenn er will, dich für solche Worte in die Gouvernementsgendarmerieverwaltung bringen kann, auf Grund deines verdächtigen Betragens? Und weißt du", sage ich, "wohin dich der Herr Friedensrichter für solche politischen Worte schicken kann?" Und der Dorfälteste sagt: "Der Herr Friedensrichter", sagt er, "kann über seinen Bereich hinaus nichts unternehmen. Nur für kleine Sachen ist er zuständig." So hat er das gesagt, und alle haben es gehört ... "Wie kannst du denn wagen", sage ich, "die Staatsmacht so zu beschimpfen? Nun", sage ich, "mach mit mir keine Späßchen, das, Freundchen, wird dir schlecht bekommen." Früher in Warschau oder als ich Hausmeister in dem klassischen Knabenprogymnasium war, wenn ich da irgendwelche unziemlichen Worte gehört habe, schaute ich auf die Straße, ob kein Gendarm zu sehen war."Komm mal her", sage ich, "du Kavalier" - und habe ihm alles gemeldet. Aber hier auf dem Dorf, wem soll man es sagen? Mich hat die Wut gepackt. Es hat mich gekränkt, dass sich das hiesige Volk im Eigensinn und Ungehorsam vergessen hat. Ich hole zum Schlag aus und... natürlich nicht so stark, sondern ganz korrekt und nur sachte, damit er sich nicht untersteht, von Euer Hochwohlgeboren so zu reden .. . Für den Dorfältesten hat der Landpolizist Partei genommen. Also habe ich auch den Landpolizisten ... Und so ging es los ... Ich bin in Eifer geraten, Euer Hochwohlgeboren, aber es geht doch nicht ohne das, ohne dass man prügelt. Wenn man einen dummen Menschen nicht prügelt, lädt man Schuld auf seine Seele. Besonders, wenn es verdient ist, wenn Unordnung herrscht. .."
"Erlauben Sie mal! Es sind doch Leute eingesetzt, die gegen die Unordnung einschreiten! Dafür gibt es den Landpolizisten, den Dorfältesten, den Polizeikommissar ..."
"Der Landpolizist kann nicht auf alles achten, und er versteht auch nicht das, was ich verstehe ..."
"Aber begreifen Sie doch, das ist nicht Ihre Sache!"
"Was? Wieso nicht meine Sache? Komisch ... Die Leute treiben Unfug, und das ist nicht meine Sache! Soll ich sie denn etwa loben? Sie beklagen sich bei Ihnen, dass ich ihnen verbiete, Lieder zu singen ... Was gibt's denn Gutes an diesen Liedern? Statt sich mit was zu beschäftigen, singen sie Lieder ... Und sie haben noch eine Mode eingeführt, abends bei Licht zu sitzen. Man muss schlafen gehen, aber bei ihnen hört man Gespräche und Lachen. Ich habe alles notiert!"
"Was haben Sie notiert?"
"Wer bei Licht sitzt."
Prišibeev holt einen schmutzigen Zettel aus der Tasche, setzt seine Brille auf und liest: "Welche Bauern bei Licht sitzen: Ivan Prochorov, Savva Nikiforov, Petr Petrov. Die Soldatenwitwe Šustrova lebt in ungesetzlicher Sittenlosigkeit mit Semen Kislov. Ignat Sverčok treibt Zauberei, und seine Frau Mavra ist eine Hexe, geht nachts fremde Kühe melken."
"Genug", sagt der Richter und beginnt die Zeugen zu verhören. Unteroffizier Prišibeev schiebt die Brille auf die Stirn und schaut erstaunt den Friedensrichter an, der offenbar nicht auf seiner Seite ist. Seine hervorquellenden Augen funkeln, seine Nase färbt sich purpurrot. Er schaut den Friedensrichter und die Zeugen an und kann durchaus nicht begreifen, warum der Richter so aufgeregt ist und warum man aus allen Ecken des Verhandlungsraumes bald Gemurmel, bald unterdrücktes Lachen hört. Unbegreiflich ist ihm auch das Urteil: ein Monat Haft!
"Wofür?" fragt er und breitet fassungslos die Hände aus. "Nach welchem Gesetz?"
Und ihm wird klar, dass sich die Welt verändert hat und dass es ganz unmöglich geworden ist, auf dieser Welt zu leben. Finstere, trostlose Gedanken bemächtigen sich seiner. Aber als er den Verhandlungsraum verlässt und die Bauern erblickt, die sich zusammendrängen und über etwas reden, legt er nach alter Gewohnheit, die er nicht mehr lassen kann, die Hände an die Hosennaht und schreit mit heiserer, böser Stimme:
"Wegtreten, Leute! Nicht zusammenrotten! Nach Hause gehen!"



Anmerkungen
Unteroffizier Prišibeev (Unter Prišibeev). Peterburgskaja gazeta, Nr.237 (5. Oktober) 1885; Titel dort: "Der Intrigant. Kleine Szene"; A. Čechonte.
Prišibeev - russ. "prišibat'"; verletzen, beschädigen (durch Stoßen, Schlagen); einem Tier den Garaus machen.
diente in Warschau - Warschau, seit dem Wiener Kongress unter russischer Verwaltung, "Hauptstadt des Generalgouvernements Warschau" (Baedeker, "Russland", Leipzig 1912); Garnisonsstadt, Schauplatz der polnischen Aufstände von 1830 und 1861/63 gegen die russische Herrschaft.
riecht nach Sibirien - d.h. nach Kapitalverbrechen und Verbannung nach Sibirien.
Žigin - russ. "žiga": die Drohung, Einschüchterung; Schläge.
Šustrova - russ. "šustryj": gewitzt, gerieben, durchtrieben, findig. Kislov - russ. "kislyj": sauer.
Sverčok - russ. "die Grille, das Heimchen".