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Originaltext
DER SRIFTSTELLER
In einem Zimmer, das an die Teehandlung des Kaufmanns Jerschakow angrenzte, saß hinter einem hohen Kontorpult Jerschakow selber, ein junger modisch gekleideter aber schon verlebter Mann, der augenscheinlich ein bewegtes Leben geführt hatte. Nach seiner schwungvollen geschnörkelten Handschrift, seinem Joseph-Capoul-Lockenkopf und dem feinen Zigarrenduft zu schließen, war ihm die europäische Zivilisation nicht fremd. Doch ein noch deutlicherer Hauch von Kultur strömte von ihm aus, als ein junge aus dem Geschäft erschien und meldete:
"Der Schriftsteller ist gekommen!"
"Ah! ... Bitte ihn hierher. Und sag ihm, daß er seine Galoschen im Geschäft ablegen möchte."
Eine Minute darauf trat leise ein ergrauter, fast kahlköpfiger alter Mann in verblichenem, abgewetzten Mantel in das Zimmer, mit einem roten erfrorenen Gesicht und einem Ausdruck von Schwäche und Unsicherheit, wie ihn gewöhnlich Leute haben, die zwar wenig, doch beständig trinken.
"Ah, meine Hochachtung ... ", sagte Jerschakow, ohne sich nach dem Eintretenden umzublicken. "Was gibt es Gutes, Herr Heinim?"
Jerschakow warf die Worte "Genie" und "Heine" durcheinander, und sie hatten sich bei ihm zu "Heinim" verschmolzen, wie er den alten Mann stets nannte.
"Ja, hier habe ich die kleine Bestellung gebracht", antwortete Heinim. "ist schon fertig ... "
"So schnell?"
"In drei Tagen, Sachar Semjonytsch, kann man nicht nur einen Reklametext, sondern einen Roman verfassen. Für den Reklametext genügt eine Stunde."
"Nur? Und da feilschst du immer, als ob du einen Jahresauftrag annähmest. Na, dann zeigen Sie mal, was Sie verfaßt haben."
Heinim zog einige zerknitterte, mit Bleistift beschriebene Papierchen aus der Tasche und näherte sich dem Pult.
"Das habe ich hier noch im Unreinen, in allgemeinen Zügen ... ", sagte er. "Ich werde es Ihnen vorlesen, und Sie wollen sich in den Text hineindenken und, falls Sie einen Fehler finden, Hinweise geben. Fehler machen ist keine Kunst, Sachar Semjonytsch. ... Glauben Sie? Ich habe für drei Geschäfte gleichzeitig Reklametexte abgefaßt... Da hätte sich auch einem Shakespeare alles im Kopf gedreht."
Heinim setzte die Brille auf, zog die Brauen hoch und begann mit trauriger Stimme, gerade als ob er deklamierte, zu lesen:
"Saison 1885-86. Lieferant von chinesischen Teesorten nach allen Städten des europäischen und asiatischen Rußland und des Auslandes: S. S. Jerschakow. Die Firma existiert seit 1804. Diese ganze Einleitung, verstehen Sie, soll in Ornamenten zwischen Wappen stehen.
Ich habe mal für einen Kaufmann einen Reklametext verfaßt, und der hat für die Anzeige die Wappen verschiedener Städte dazugenommen. So können Sie es auch machen, und für Sie selber, Sachar Semjonytsch, habe ich mir folgendes Ornament ausgedacht: ein Löwe, der eine Leier in den Zähnen hält.
Nun weiter: Zwei Worte an unsere Kundschaft. Sehr geehrte Herren! Weder die politischen Ereignisse der letzten Zeit noch die kalte Unfähigkeit, Unterscheidungen zu treffen, die immer weitere Schichten unserer Gesellschaft durchdringt, noch auch die Versandung der Wolga, auf die erst kürzlich der beste Teil unserer Presse hingewiesen hat, nichts vermag uns zu beirren. Das langjährige Bestehen unserer Firma und die Wertschätzung, derer wir uns zu versichern vermochten, geben uns die Möglichkeit, fest auf dem Boden zu stehen und unseren ein für alle Mal eingeführten Geschäftsgepflogenheiten nicht untreu zu werden, weder in unseren Beziehungen zu den Besitzern der Teeplantagen, noch auch in der gewissenhaften Ausführung der Bestellungen. Unsere Devise ist hinlänglich bekannt. Sie ist in wenigen, aber bedeutungsvollen Worten ausgedrückt: Gewissenhaftigkeit, Wohlfeilheit und Schnelligkeit!"
"Gut! Sehr gut!" unterbrach ihn Jerschakow, indem er auf seinem Stuhl hin und her rutschte. "Ich hatte gar nicht erwartet, daß Sie es so gut abfassen würden. Geschickt! Nur eins, lieber Freund ... Es müßte hier irgendwie abgeschattet, vernebelt werden, es müßte ein wenig, weißt du, wie ein Taschenspielerstückchen gemacht werden ... Wir geben hier bekannt, daß die Firma soeben eine Partie frischer Frühlingsteesorten erster Pflückung der Saison -1885 erhalten hat... Nicht wahr? Aber außerdem muß man darauf hinweisen, daß diese soeben erhaltenen Teesorten sich schon drei Jahre bei uns am Lager befinden, und nichtsdestoweniger tun wir so, als hätten wir sie erst in der vorigen Woche aus China erhalten."
"Verstehe ... Das Publikum wird den Widerspruch überhaupt nicht bemerken. Am Anfang der Anzeige werden wir schreiben, daß wir die Tees eben erst erhielten, am Ende aber werden wir so sagen: Da wir über einen großen Vorrat von Tee mit der früheren Zoll-Belastung verfügen, können wir ihn ohne Nachteile für unsere eigenen Interessen noch gemäß der Preisliste der vorigen Jahre verkaufen ... und so weiter.
Gut, und auf der anderen Seite wird die Preisliste stehen. Dort gibt es wieder Wappen und Ornamente ... Darunter in großen Lettern: Preisliste der erlesenen aromatischen Teesorten der ersten Frühjahrspflückung aus Futschan, Kjachta und Baihow, die wir aus unlängst erworbenen Plantagen erhielten... Und weiter: Wir lenken die Aufmerksamkeit der wahren Teeliebhaber auf die Teesorten aus Lan-sin, von denen die Sorte "Chinesisches Emblem oder Neid der Konkurrenz" die größte und meistverdiente Beliebtheit genießt, 3,50 Rubel.
Von den rosenduftenden Teesorten empfehlen wir besonders "Rose von Bogdychan" zu 2 Rubel und (Augen der Chinesin) zu 1,80 Rubel. Nach den Preisen kommt in kleinem Schriftgrad einiges über das Auswiegen und den Versand des Tees. Und da heißt es auch über den Rabatt und in Bezug auf Prämien: Die Mehrzahl unserer Konkurrenten wirft in dem Wunsche, Käufer anzulocken, eine Angel in Gestalt von Prämien aus. Wir unsererseits protestieren gegen dieses empörende Verfahren und bieten unseren Käufern nicht in Form von Prämien, sondern gratis alle die Lockspeisen an, mit denen die Konkurrenz ihre Opfer bewirtet.
Jeder, der bei uns für nicht weniger als fünzig Rubel einkauft, erhält zur Wahl und kostenlos einen der folgenden fünf Gegenstände: einen Teekessel aus Britannia-Metall, hundert Visitenkarten, einen Stadtplan von Moskau, eine Teedose in Gestalt einer nackten Chinesin oder das Buch (Der Bräutigam ist erstaunt, oder Die Braut unter dem Trog - Erzählung eines koketten Spaßmachers)".
Nachdem er zu Ende gelesen und einige Korrekturen gemacht hatte, schrieb Heinim den Reklametext schnell ins Reine und händigte ihn Jerschakow aus. Hierauf trat ein Schweigen ein... Beide hatten ein unangenehmes Gefühl, so als hätten sie eine Gemeinheit begangen.
"Befehlen Sie, daß ich das Geld für die Arbeit gleich oder später in Empfang nehme?" fragte Heinim unschlüssig.
"Wann Sie wollen, meinetwegen gleich ... ", antwortete Jerschakow nachlässig. "Geh in den Laden und nimm dir dort, was du willst, für fünf fünfzig. "
"Ich hätte es lieber in bar, Sachar Semjonytsch."
"Ich pflege nicht bar zu bezahlen. Ich zahle allen in Tee und Zucker: Ihnen sowohl wie den Chorsängern, deren Altmitglied ich bin, und auch den Hausknechten. So gibt es weniger Trunkenheit."
"Kann man denn meine Arbeit mit der von Hausknechten und Sängern vergleichen, Sachar Semjonytsch? Bei mir ist es Verstandesarbeit."
"Was denn für Arbeit! Hingesetzt, geschrieben und fertig. Geschreibsel kann man weder essen noch trinken ... gespucktes Zeug! Keinen Rubel wert!"
"Hm ... wie Sie da hinsichtlich Geschreibsel urteilen ... " Heinim war gekränkt. "Nicht zu essen, nicht zu trinken. Sie verstehen wohl nicht, daß ich, als ich diesen Reklametext verfaßte, vielleicht seelisch gelitten habe. Da schreibt man und fühlt, daß man ganz Rußland betrügt. Geben Sie mir Geld, Sachar Semjonytsch!"
"Du fällst mir auf die Nerven, Bruder. Es ist unschön, sich so aufzudrängen."
"Nun meinetwegen. Dann werde ich Streuzucker nehmen. Ihre tüchtigen jungen Leute werden ihn von mir für acht Kopeken das Pfund zurückkaufen. Ich verliere bei diesem Handel vierzig Kopeken, nun ja, was kann man da machen! Bleiben Sie gesund!"
Heinim wandte sich, um hinauszugehen, blieb jedoch in der Tür stehen, seufzte und sagte mißmutig:
"Ich betrüge Rußland! Ganz Rußland! Das Vaterland betrüge ich für ein Stückchen Brot! Ach je!"
Und ging. Jersachkow zündete sich eine kleine Havanna an, und es duftete in seinem Zimmer noch stärker nach einem kultivierten Menschen.
Anmerkungen
Der Schriftsteller (Pisatel'). Peterburgskaja gazeta, n. November 1885; "Kleine Szene"; A. Čechonte.
Eršakov - russ. "erš": Kaulbarsch, Kaulbars, Schroll. Heinius - russ. "Gejnim": Kontamination aus "Heine" (Gejne) "Genius" (genij).
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