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Originaltext
IM ALTER
Der Architekt und Staatsrat Uzelkov traf in seiner Heimatstadt ein, in die man ihn zur Restaurierung der Friedhofskirche gerufen hatte. In dieser Stadt war er geboren, hier hatte er die Schule besucht, hier war er groß geworden und hatte geheiratet. Als er aber aus dem Abteil stieg, erkannte er sie kaum wieder. Alles hatte sich verändert ... Vor achtzehn Jahren, als er nach Petersburg übersiedelte, fingen zum Beispiel auf dem Platz, wo jetzt der Bahnhof stand, die Jungen Zieselmäuse. Jetzt erhob sich an der Einfahrt in die Hauptstraße das vierstöckige Hotel "Wien", damals zog sich hier ein gräßlicher grauer Zaun entlang. Doch es waren nicht die Zäune und nicht die Häuser - die Menschen hatten sich so sehr verändert. Von dem Hoteldiener, den er befragte, erfuhr Uzelkov, daß mehr als die Hälfte der Menschen, an die er sich erinnern konnte, verstorben, verarmt oder vergessen war.
"Aber an Uzelkov erinnerst du dich?" fragte er den alten Diener nach sich selbst. "Uzelkov, den Architekten, der sich von seiner Frau scheiden ließ ... Er hatte ein Haus in der Svire-beevskaja-Straße .. . Sicherlich erinnerst du dich!"
"Kann mich nicht entsinnen ..."
"Nun, wie kann man das vergessen! Es war eine aufsehenerregende Geschichte, sogar die Droschkenkutscher wußten alle davon. Denk mal nach! Seine Scheidung von der Frau hatte der Anwalt Sapkin geregelt, ein Gauner ... ein bekannter Falschspieler, derselbe, den man im Klub verprügelte . . ."
"Ivan Nikolaič?"
"Nun Ja, ja ... Lebt er noch, oder ist er gestorben?"
"Er lebt noch, Gott sei Dank! Er ist jetzt Notar und hat sein Büro. Es geht ihm gut. Hat zwei Häuser in der Kirpičnaja-Straße. Vor kurzem hat er seine Tochter verheiratet. . ."
Uzelkov schritt eine Weile von einer Ecke in die andere, überlegte und entschloß sich, aus Langeweile Sapkin zu besuchen. Als er das Hotel verließ und langsam zur Kirpicnaja-Straße schlenderte, war es Mittag. Er traf Sapkin im Büro an und erkannte ihn kaum wieder. Aus dem einst schlanken, gewandten Anwalt mit der lebhaften, frechen Schnapsphysiognomie war ein bescheidener, grauhaariger, kränklicher Greis geworden.
"Sie erkennen mich wohl nicht, haben mich vergessen ..." begann Uzelkov. "Ich bin Ihr früherer Klient Uzelkov ..."
"Uzelkov? Was für ein Uzelkov? Ach ja!"
Sapkin entsann sich, erkannte ihn und war ganz verblüfft. Es hagelte Ausrufe, Fragen, Erinnerungen wurden ausgetauscht.
"Das habe ich nicht erwartet! Das habe ich nicht gedacht!" gackerte Sapkin. "Was darf ich Ihnen anbieten? Wollen Sie Champagner? Vielleicht mögen Sie Austern? Mein Lieber, ich habe Ihnen seinerzeit soviel Geld abgeknöpft, daß ich jetzt gar nicht weiß, wie ich Sie bewirten soll..."
"Bitte bemühen Sie sich nicht", sagte Uzelkov. "Ich habe keine Zeit, ich muß gleich zum Friedhof fahren und die Kirche besichtigen. Ich habe einen Auftrag angenommen."
"Ausgezeichnet! Wir nehmen einen Imbiß, trinken etwas dazu und fahren dann gemeinsam. Ich habe ausgezeichnete Pferde! Ich werde Sie hinbringen und mit dem Kirchenältesten bekannt machen ... ich regle alles ... Aber was haben Sie, mein Lieber, Sie scheinen mir ja auszuweichen und Angst vor mir zu haben? Rücken Sie doch näher zu mir heran. Jetzt braucht man mich nicht mehr zu fürchten ... Hebe ... Früher war ich tatsächlich ein fixer Kerl, ein geriebener Bursche ... niemand durfte mir zu nahe treten, aber jetzt bin ich klein und häßlich geworden; bin gealtert, habe Familie ... Kinder. Es ist Zeit zum Sterben."
Die Freunde nahmen einen Imbiß, tranken etwas dazu und fuhren mit einem Zweispänner zu dem vor der Stadt gelegenen Friedhof.
"Ja, das waren noch Zeiten!" sagte Sapkin, in Erinnerungen schwelgend, als er im Schlitten saß. "Wenn man daran denkt, glaubt man es einfach nicht mehr. Entsinnen Sie sich noch, wie Sie sich von Ihrer Frau scheiden ließen? Es ist schon fast zwanzig Jahre her, und Sie haben wohl alles vergessen, aber ich entsinne mich, als hätte ich Sie gestern erst geschieden. Mein Gott, wieviel böses Blut habe ich damals gemacht! Ich war ein geriebener Bursche, ein Kasuist, ein Rechtsverdreher, ein tollkühner Kopf ... So riß ich mich immer nach ungewöhnlichen Fällen, besonders wenn das Honorar gut war, wie zum Beispiel in Ihrem Prozeß. Was haben Sie mir damals gezahlt? Fünf- oder sechstausend! Nun, wie soll man da kein böses Blut machen? Sie verreisten nach Petersburg und überließen mir die ganze Sache:
Mach, wie du denkst! Aber Ihre verstorbene Gattin, Sofja Michajiovna, wenn sie auch aus einer Kaufmannsfamilie stammte, war doch stolz und empfindlich. Sie zu bestechen, damit sie die Schuld auf sich nahm, war schwer ... furchtbar schwer! Ich ging damals öfter zu ihr, zu Besprechungen, aber wenn sie mich sah, rief sie immer dem Dienstmädchen zu: "Maša, ich habe dir doch befohlen, keine Lumpen zu empfangen !" Ich habe es auf jede mögliche Weise versucht ... habe ihr Briefe geschrieben und es darauf angelegt, sie unverhofft zu treffen - es war nichts zu machen! Ich mußte durch eine dritte Person verhandeln. Lange machte sie mir zu schaffen, und erst als Sie sich bereit erklärten, ihr zehntausend Rubel zu geben, willigte sie ein ... Vor den zehntausend kapitulierte sie, da konnte sie nicht widerstehen ... Sie begann zu weinen, spuckte mir ins Gesicht, aber sie war einverstanden und nahm die Schuld auf sich!"
"Sie hat, glaube ich, von mir nicht zehn-, sondern fünfzehntausend bekommen", sagte Uzelkov.
"Ja, ja ... fünfzehn, ich habe mich geirrt", erwiderte Sapkin verlegen. "Übrigens ist die Sache verjährt, und eine Sünde soll man bekennen. Ich habe ihr zehn gegeben, die restlichen fünf habe ich in meine eigene Tasche gesteckt. Habe euch beide betrogen . .. Die Sache ist verjährt, man braucht sich nicht mehr zu schämen .. . Und von wem hätte ich es nehmen sollen, Boris Petrovic, wenn nicht von Ihnen, urteilen Sie selbst... Sie waren ein reicher, saturierter Mann .. . Aus Übermut haben Sie geheiratet, aus Übermut ließen Sie sich scheiden. Verdient haben Sie eine Unmenge .. . Ich entsinne mich, bei einem Auftrag haben Sie allein zwanzigtausend eingesteckt. Von wem sollte man es da nehmen, wenn nicht von Ihnen? Und auch der Neid plagte mich, offen gesagt . . . Wenn Sie was schnappten, zog man vor Ihnen den Hut, mich aber pflegte man wegen ein paar Rubel zu prügeln und im Klub zu ohrfeigen . .. Nun, warum sich daran erinnern! Es ist nun an der Zeit, es zu vergessen."
"Sagen Sie bitte, wie lebte denn Sofja Michajiovna danach?"
"Mit den zehntausend? Schlechtissime ... Weiß Gott, ob sie solch eine Leidenschaft ergriffen hatte oder ob das Gewissen und der Stolz sie so quälten, weil sie sich für Geld verkauft hatte, oder ob sie Sie vielleicht liebte, sie begann, wissen Sie, zu trinken. Als sie das Geld bekommen hatte, fuhr sie mit Offizieren in Trojkas aus. Trunksucht, Bummelei, Sittenlosigkeit ... Kam sie mit Offizieren in ein Lokal, trank sie nicht Portwein oder etwas Leichtes, sondern Kognak, es sollte brennen und sie berauschen."
"Ja, sie war exzentrisch ... Ich habe mit ihr viel durchgemacht. Sie hat sich oft beleidigt gefühlt, dann gingen ihr die Nerven durch... Und was war später?"
"So verging eine Woche und noch eine ... Ich sitze einmal bei mir zu Hause und kritzele irgend etwas. Plötzlich geht die Tür auf, und sie kommt herein ... betrunken. "Nehmen Sie", sagt sie, "Ihr verdammtes Geld zurück!" und wirft mir das Päckchen ins Gesicht. Sie hat es also nicht ausgehalten. Ich sammelte das Geld auf und zählte es ... Es fehlten nur fünfhundert. Nur fünfhundert hatte sie also verjubeln können."
"Wo haben Sie das Geld gelassen?"
"Eine verjährte Sache braucht man nicht zu verheimlichen ... Für mich habe ich es genommen. Warum sehen Sie mich so an? Warten Sie, was noch kommt ... Ein ganzer Roman, die reine Psychiatrie! Nach etwa zwei Monaten komme ich einmal nachts nach Hause, betrunken, in scheußlicher Verfassung ... Ich zünde das Licht an und sehe, auf meinem Sofa sitzt Sofja Michajiovna, auch betrunken, ganz außer Rand und Band,' wie eine Wilde, wie aus einem Tollhaus entsprungen ... "Geben Sie mir", sagt sie, "mein Geld zurück, ich habe es mir überlegt. Wenn man fällt, dann soll man auch fallen, wie es sich gehört, ganz tief! Machen Sie schnell, Sie Schuft, und geben Sie mir das Geld!" Eine schlimme Geschichte!"
"Und Sie haben ... es ihr gegeben?"
"Ich habe ihr, wie ich mich entsinne, zehn Rubel gegeben ..."
"Ach! Wie konnten Sie nur?" sagte Uzelkov und verzog sein Gesicht. "Wenn Sie selbst es ihr nicht geben konnten oder wollten, hätten Sie mir doch schreiben sollen . .. Und ich wußte nichts davon! Was? Und ich wußte nichts davon!"
"Mein Lieber, wozu sollte ich schreiben, wenn sie Ihnen selbst geschrieben hat, als sie später im Krankenhaus lag?"
"Übrigens war ich damals so mit meiner neuen Ehe beschäftigt, so durcheinander, daß ich für Briefe keinen Sinn hatte ... Aber Sie als Privatmann haben doch für Sofja keine Antipathie empfunden, warum haben Sie ihr nicht die Hand gereicht?"
"Mit dem heutigen Maßstab kann man da nicht messen, Boris Petrovič. Jetzt denken wir so, aber damals haben wir ganz anders gedacht ... Jetzt würde ich ihr vielleicht auch tausend Rubel geben, aber damals habe ich auch jene zehn ... nicht umsonst gegeben ... Eine häßliche Geschichte! Man muß es vergessen ... Aber wir sind da ..."
Der Schlitten hielt vor dem Friedhofstor. Uzelkov und Sap-kin kletterten heraus, gingen durch das Tor und schritten dann durch eine lange, breite Allee. Die kahlen Kirschbäume und Akazien, die grauen Grabkreuze und Denkmäler schimmerten im Rauhreif wie Silber. In jedem Schneekristall spiegelte sich der klare sonnige Tag. Es roch, wie es auf allen Friedhöfen riecht:
nach Weihrauch und frisch aufgegrabener Erde ...
"Einen hübschen Friedhof haben wir", sagte Uzelkov. "Ein richtiger Garten!"
"Ja, aber leider stehlen Diebe die Denkmäler ... Und dort, hinter dem gußeisernen Denkmal rechts, liegt Sofja Michajiovna begraben. Wollen Sie sich's ansehen?"
Die Freunde wandten sich nach rechts und stapften durch den tiefen Schnee zu dem gußeisernen Denkmal.
"Das hier ist es..." sagte Sapkin und zeigte auf einen kleinen Grabstein aus weißem Marmor. "Irgendein Fähnrich hat das Denkmal auf ihr Grab gesetzt."
Uzelkov nahm langsam die Mütze ab und zeigte der Sonne seine Glatze. Sapkin sah ihn an und nahm ebenfalls die Mütze ab, und eine zweite Glatze glänzte in der Sonne. Ringsum herrschte eine Grabesstille, als sei auch die Luft tot. Die Freunde sahen sich das Denkmal an, schwiegen und dachten nach.
"Da ruht sie nun", mit diesen Worten unterbrach Sapkin das Schweigen. "Und es kümmert sie nicht mehr, daß sie die Schuld auf sich genommen und Kognak getrunken hat. Gestehen Sie es nur, Boris Petrovic."
"Was?" fragte Uzelkov mürrisch.
"Nun das ... Wenn auch die Vergangenheit widerlich war, so war sie doch besser als das hier."
Und Sapkin zeigte auf sein graues Haar.
"Früher habe ich auch nicht an die Sterbestunde gedacht ... Wäre ich dem Tod begegnet, so hätte ich ihm wahrscheinlich zehn Punkte vorgegeben, aber jetzt... Nun, lassen wir das."
Uzelkov wurde von Schwermut übermannt. Er wollte plötzlich weinen, leidenschaftlich, so wie er einst das Bedürfnis hatte zu lieben. Und er fühlte, daß dieses Weinen für ihn gut und erfrischend wäre. Die Augen wurden ihm feucht, und seine Kehle schnürte sich zusammen, aber . .. neben ihm stand Sapkin, und Uzelkov schämte sich, vor einem Zeugen kleinmütig zu sein. Er wandte sich plötzlich um und ging zur Kirche.
Erst zwei Stunden später, nachdem er mit dem Kirchenältesten verhandelt und die Kirche besichtigt hatte, paßte er, als Sapkin sich mit dem Priester unterhielt, einen Augenblick ab und lief weg, um zu weinen ... Er schlich sich heimlich wie ein Dieb zu dem Denkmal und drehte sich dabei jeden Augenblick um. Das kleine weiße Grabmal sah ihn nachdenklich, traurig und so unschuldig an, als läge darunter ein Mädchen und keine lasterhafte geschiedene Frau.
Weinen, weinen! dachte Uzelkov.
Aber der Augenblick zum Weinen war schon vorbei. Sosehr auch der Alte mit den Augen blinzelte, sosehr er sich darauf einstellte, die Tränen wollten nicht fließen, die Kehle schnürte sich nicht mehr zusammen . .. Nachdem Uzelkov etwa zehn Minuten so gestanden hatte, winkte er resigniert ab und ging Sapkin suchen.
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