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Originaltext
DER SPIEGEL
Silvesterabend. Nelly, die junge und hübsche Tochter eines Gutsbesitzers und Generals, die Tag und Nacht vom Heiraten träumt, sitzt in ihrem Zimmer und schaut mit müden, halbgeschlossenen Augen in den Spiegel. Sie ist blaß, gespannt und regungslos wie der Spiegel.
Die unwirkliche, aber sichtbare Perspektive, einem endlosen schmalen Korridor ähnlich, eine Reihe unzähliger Kerzen, die Widerspiegelung ihres Gesichts und ihrer Hände, der Spiegelrahmen - alles das ist schon längst mit einem Nebelschleier überzogen und zu einem grenzenlosen grauen Meer verschmolzen. Das Meer bewegt sich, glitzert, und zeitweise flammt es auf, als brenne es.
Schaut man auf Nellys starre Augen und ihren geöffneten Mund, ist es schwer, zu entscheiden, ob sie schläft oder wacht, trotzdem sieht sie etwas. Zuerst sieht sie nur ein Lächeln und den weichen, anmutigen Ausdruck fremder Augen, dann zeichnen sich auf dem schwankenden grauen Hintergrund nach und nach die Umrisse eines Kopfes ab, das Gesicht, die Augenbrauen, der Bart. Das ist er, der ihr vom Schicksal Bestimmte, der Gegenstand ihrer Träume und Hoffnungen. Der Ersehnte bedeutet Nelly alles: den Sinn des Lebens, persönliches Glück, Karriere, das Schicksal. Ohne ihn gibt es auf dem grauen Hintergrund nur Finsternis, Leere und Sinnlosigkeit. Deshalb ist es kein Wunder, daß sie ein wohliges Gefühl spürt, wenn sie den schönen, sanft lächelnden Kopf vor sich sieht; sie empfindet einen unsagbar lieblichen Albdruck, den man weder mit Worten noch auf dem Papier wiedergeben kann. Darauf hört sie seine Stimme, sie sieht, wie sie mit ihm unter einem 'Dach wohnt, wie ihr Leben allmählich mit dem seinen verschmilzt. Auf dem grauen Hintergrund eilen Monate und Jahre dahin ... und Nelly sieht deutlich und mit allen Einzelheiten ihre Zukunft vor sich.
Über den grauen Hintergrund huscht Bild auf Bild. Da sieht Nelly auf einmal, wie sie in einer kalten Winternacht bei dem Kreisarzt Stepan Lukic Einlaß begehrt. Hinter dem Tor bellt faul und heiser ein alter Hund. Die Fenster der Arztwohnung sind dunkel. Ringsum ist alles still.
"Um Gottes willen... um Gottes willen", flüstert Nelly.
Aber endlich knarrt die Pforte, und Nelly sieht die Köchin des Arztes vor sich.
"Ist der Doktor zu Hause?"
"Er schläft ..." flüstert die Köchin in den vorgehaltenen Ärmel, als hätte sie Angst, ihren Herrn zu wecken. "Ist eben von der Epidemie zurückgekommen. Hat befohlen, ihn nicht zu wecken."
Aber Nelly hört die Köchin nicht an. Sie schiebt sie mit der Hand beiseite und läuft wie eine Besessene in die Wohnung des Arztes. Nachdem sie einige dunkle und schwüle Zimmer durchquert und dabei zwei, drei Stühle umgeworfen hat, findet sie endlich des Doktors Schlafzimmer. Stepan Lukič liegt angezogen, aber ohne seinen Gehrock im Bett und haucht mit vorgestreckten Lippen in die hohle Hand. Neben ihm leuchtet schwach eine kleine Nachtlampe. Ohne ein Wort zu sagen, setzt sich Nelly auf einen Stuhl und beginnt zu weinen. Sie weint bitterlich und zittert am ganzen Körper.
"Mein Ma ... Mann ist krank!" stößt sie hervor.
Stepan Lukič schweigt. Er erhebt sich langsam, stützt den Kopf auf die Faust und sieht den Gast mit verschlafenen, unbeweglichen Augen an.
"Mein Mann ist krank!" wiederholt Nelly, ein Schluchzen unterdrückend. "Fahren wir zu ihm, um Gottes willen . .. schnell... möglichst schnell!"
"Was?" murmelt der Arzt und haucht in die hohle Hand.
"Fahren wir! Und zwar sofort! Sonst ... sonst ... es ist furchtbar auszusprechen . .. Um Gottes willen!"
Die bleiche erschöpfte Nelly schluckt die Tränen hinunter und beginnt hastig dem Arzt die plötzliche Erkrankung ihres Mannes und ihre unsagbare Angst zu beschreiben. Ihre Leiden können einen Stein erweichen, aber der Arzt sieht sie nur an, haucht in die hohle Hand und rührt sich nicht von der Stelle.
"Ich komme morgen..." murmelt er.
"Das ist unmöglich!" ruft Nelly erschrocken. "Ich weiß, mein Mann hat... Typhus! Sie werden gleich... sofort gebraucht!"
"Ich bin... sozusagen... eben erst gekommen..." murmelt der Arzt. "Drei Tage bin ich wegen der Epidemie herumgefahren. Ich bin erschöpft und selbst krank... Ich kann absolut nicht! Absolut nicht! Ich ... ich habe mich selbst angesteckt... Da!"
Und der Arzt hält Nelly ein Fieberthermometer vor die Augen.
"Die Temperatur geht auf vierzig... Ich kann absolut nicht! Ich... bin nicht einmal mehr imstande zu sitzen. Entschuldigen Sie: ich muß mich wieder hinlegen..."
Der Arzt legt sich nieder.
"Aber ich bitte Sie, Herr Doktor!" Nelly stöhnt verzweifelt. "Ich flehe Sie an! Helfen Sie mir, um Gottes willen. Nehmen Sie alle Ihre Kräfte zusammen und lassen Sie uns fahren... Ich werde Sie bezahlen, Herr Doktor..."
"Mein Gott... ich habe Ihnen doch gesagt! Ach!"
Nelly springt auf und geht nervös im Zimmer auf und ab. Sie möchte dem Arzt alles erklären, erläutern . .. Ihr dünkt, er würde seine Ermüdung und seine Krankheit vergessen, wenn er wüßte, wie teuer ihr ihr Mann und wie unglücklich sie jetzt ist. Aber wo soll sie die Beredsamkeit hernehmen?
"Fahren Sie zum Zemstvo-Arzt..." hört sie Stepan Lukičs Stimme.
"Das ist unmöglich...! Er wohnt fünfundzwanzig Verst von hier entfernt, und die Zeit ist kostbar. Auch die Pferde halten das nicht aus: von uns bis hierher sind vierzig Verst, und von hier bis zum Zemstvo-Arzt fast genausoviel... Nein, das ist unmöglich! Fahren wir, Stepan Lukič! Ich verlange von Ihnen eine Heldentat. Nun, vollbringen Sie diese Tat! Erbarmen Sie sich!"
"Weiß der Teufel... Ich habe Fieber... Der Kopf ist wie betäubt, und sie begreift das nicht. Ich kann nicht! Lassen Sie mich in Ruhe!"
"Aber Sie sind verpflichtet zu fahren! Sie können sich nicht weigern. Das ist Egoismus! Ein Mensch muß für seinen Nächsten das Leben opfern, und Sie ... Sie lehnen es ab' mitzufahren . ..! Ich werde Sie verklagen!"
Nelly spürt, daß sie eine beleidigende und unverdiente Lüge ausspricht, aber um ihren Mann zu retten, ist sie fähig, Logik, Takt und ihr Mitleid mit den Menschen zu vergessen... Als Antwort auf ihre Drohung trinkt der Arzt gierig ein Glas kaltes Wasser. Nelly beginnt wieder flehentlich zu bitten und appelliert an sein Mitleid wie die niedrigste Bettlerin ... Endlich gibt der Arzt nach. Er erhebt sich langsam, atmet schwer, stöhnt und sucht seinen Gehrock.
"Da ist er, der Gehrock!" sagt Nelly eifrig. "Erlauben Sie, ich werde Ihnen beim Anziehen behilflich sein... So. Fahren wir. Ich werde Sie bezahlen... mein ganzes Leben lang werde ich Ihnen dankbar sein..."
Aber was für eine Qual ist das! Nachdem der Arzt den Gehrock angezogen hat, legt er sich wieder hin. Nelly zieht ihn hoch und schleppt ihn in das Vorzimmer... Dort gibt es eine lange, qualvolle Plackerei mit den Gummischuhen und dem Pelz...
Die Mütze ist verschwunden... Aber endlich sitzt Nelly in der Equipage, neben ihr der Arzt. Jetzt brauchen sie nur noch vierzig Verst zu fahren, und ihr Mann wird medizinische Hilfe bekommen. Über der Erde liegt Finsternis, man sieht nicht die Hand vor den Augen... Es weht ein kalter, winterlicher Wind. Die Räder rollen über hartgefrorene Erdklumpen. Der Kutscher bleibt immer wieder stehen und überlegt, welchen Weg er nehmen soll...
Nelly und der Arzt schweigen den ganzen Weg über. Sie werden furchtbar geschüttelt, aber sie fühlen weder die Kälte noch
das Rütteln.
"Fahr zu! Fahr zu!" bittet Nelly den Kutscher. Gegen fünf Uhr morgens biegen die abgehetzten Pferde in
den Hof ein. Nelly erblickt das bekannte Tor, den Ziehbrunnen,
die lange Reihe der Ställe und Schuppen... Endlich ist sie zu
Hause.
"Warten Sie, ich komme sofort..." sagt sie zu Stepan Lukič und setzt ihn im Eßzimmer auf das Sofa. "Erholen Sie sich ein wenig, ich werde nachsehen, wie es ihm geht."
Als sie nach einer Weile von ihrem Mann zurückkehrt, findet sie den Arzt lang ausgestreckt. Er liegt auf dem Sofa und murmelt etwas.
"Bitte, Herr Doktor... Herr Doktor!"
"Was: Fragen Sie Domna..." murmelt Stepan Lukič.
"Was?"
"Auf dem Kongreß sprach man... Viasov hat gesprochen... Wen? Was?"
Und Nelly erkennt zu ihrem großen Schrecken, daß der Arzt ebenso phantasiert wie ihr Mann. Was soll sie tun?
"Zum Zemstvo-Arzt!" beschließt sie.
Es folgen wieder Dunkelheit, schneidendkalter Wind, hartgefrorene Erdklumpen. Sie leidet an Leib und Seele, und um diese Leiden abzugelten, wird die trügerische Natur weder über genug Mittel noch Täuschungen verfügen...
Weiterhin sieht sie auf dem grauen Hintergrund, wie ihr Mann in jedem Frühjahr Geld aufzutreiben versucht, um die Zinsen an die Bank zu zahlen, bei der ihr Gut verpfändet ist. Er schläft nicht, sie schläft nicht, und beide überlegen, bis ihnen der Kopf schmerzt, wie man den Besuch des Gerichtsvollziehers vermeiden könnte.
Sie sieht Kinder. Da ist die ewige Angst vor Erkältung, Scharlach, Diphtherie, vor den Fünfen in der Schule, vor der Trennung... Von den fünf, sechs Knirpsen wird bestimmt einer sterben.
Der graue Hintergrund ist nicht frei von der Gestalt des Todes. Das ist auch verständlich. Mann und Frau können nicht zu derselben Zeit sterben. Einer von beiden muß auf jeden Fall die Beerdigung des anderen erleben. Und Nelly sieht, wie ihr Mann stirbt. Dieses furchtbare Unglück steht ihr in allen Einzelheiten vor Augen. Sie sieht den Sarg, die Kerzen und sogar die Spuren, die der Sargtischler im Vorzimmer hinterlassen hat.
"Wozu das? Wozu?" fragt sie und schaut stumpf auf das Gesicht ihres toten Mannes.
Und das vorangegangene Leben mit ihrem Mann erscheint ihr nur als eine dumme nutzlose Vorrede zu diesem Tod.
Etwas gleitet aus Nellys Händen und fällt krachend auf den Fußboden. Sie zuckt zusammen, springt auf und öffnet weit die Augen. Der eine Spiegel liegt zu ihren Füßen, der andere steht wie vorher auf dem Tisch. Sie betrachtet sich im Spiegel und sieht ein blasses, verweintes Gesicht. Der graue Hintergrund ist nicht mehr da.
Ich bin eingeschlafen... glaube ich... denkt sie und seufzt erleichtert.
Anmerkungen
Der Spiegel (Zerkalo). Peterburgskaja gazeta, 30. Dezember 1885; "Kleine Szene"; A. Čechonte.
Zemstvo-Arzt - Landarzt.
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